
RÜckschau
art value 7
4. Jahrgang 2010
| Editorial | Inhalt | Leseprobe |
Editorial
Liebe Leser,
Schwarz und Weiß sind keine Farben. Physikalisch gesprochen ist Weiß die Anwesenheit aller Farben, Schwarz deren Abwesenheit. Sie stehen für die jeweiligen Enden der breiten bunten Farbenskala. Schwarz und weiß sind Bedeutungsträger, sie sind maltechnisches Instrument, und sie sind Metapher für die Gegensätzlichkeit schlechthin. Wer sagt, etwas sei schwarzweiß gemalt, der meint, ihm würde hier die Differenzierung fehlen und man würde von einem Extrem ins andere fallen.
Das Gegenüber von schwarz und weiß steht für Reinheit, Klarheit, Entschiedenheit und Kompromisslosigkeit – durch und durch ästhetische Kategorien, die herangezogen werden, um Werturteile über Kunst zu fällen. Der Künstler sei gut, ist oft zu hören, der seinen Weg konsequent zu Ende geht und Halbherzigkeit ist vielleicht sogar das schlimmste Verdikt, das man über einen Künstler verhängen kann.
Die Beiträge in dieser Ausgabe von art value loten schwarzweiße Spielräume in der Kunst und im Kunstbetrieb aus. Sie gehen auf den Einsatz von schwarz und weiß in verschiedenen Medien (Jan-Philipp Fruehsorge, Frank-Thorsten Moll) und Kulturkreisen (Yu Zhang) ein und leiten daraus Konsequenzen ab (Wolfgang Wittrock). Mal verstehen sie sich selbst als Kontrastbildung (Ernst Ploil), mal geht es um schwarze Listen (Pascal Decker), mal um das, was man schwarz auf weiß besitzen muss, um es getrost nach hause tragen zu können (Friederike Gräfin von Brühl). Den Kontrast zweier starker Perspektiven bekommen Sie in unserem Streitgespräch vor Augen geführt, zu dem wir Galerist Christian Nagel und Auktionatorin Michaela de Pury gebeten haben.
Ein Plädoyer für mehr Profil und schneidigere Argumente in der Debatte über Kunst (Ralf Grötker) und eine Untersuchung zur Wertschätzung von Landkarten – sowohl als Sammlungsobjekt als auch als Produktionsstrategie des Künstlersubjekts – (Lars Nowak) möchte ich Ihnen außerhalb unseres schwarzweißen Paradigmas ans Herz legen. Thomas Thiel bringt Sie dann wieder ins schwarzweiße Universum zurück und stellt Ihnen die britische Künstlerin Clunie Reid vor.
Entkommen Sie dem Grau des Alltags!
Viel Spaß bei der Lektüre wünscht
Ihr Tilman Welther
Chefredakteur
Inhalt
Your Higher Plane Awaits
Thomas Thiel
Schwarz und Weiß in der zeitgenössischen Kunst Chinas
Yu Zhang
Wurst und Lederjacke
Ein Streitgespräch über Preisbildung im Kunstmarkt
Michaela de Pury und Christian Nagel
Robbins vs. Zwirner et al.
Verfügungsmacht und Marktohnmacht der Sammler im Highend-Markt
für zeitgenössische Kunst
Pascal Decker
Opulenz, Selbstreferenz, Dokumentation
Zur ästhetischen Wertschätzung von Karten
Lars Nowak
Kunstsammeln in Österreich
Ernst Ploil
Der Kunststreit
Ein Plädoyer für mehr Kontroverse in der Kritik
Ralf Grötker
Sehgewohnheiten
Vom Wunderkind zum Stiefkind des Kunstmarkts
Wolfgang Wittrock
Der Hundekorb im Museum
Leihverträge zwischen Sammler und Museum
Frederike Gräfin von Brühl
Auf der Suche nach dem schwärzesten Schwarz
Schwarz in der zeitgenössischen Kunst
Frank-Thorsten Moll
Kramarsky – Guerlain
Zeichnungssammlungen in den USA und in Frankreich
Leseprobe
Auf der Suche nach dem schwärzesten Schwarz
Schwarz in der zeitgenössischen Kunst
Frank-Thorsten Moll
Als wenige Tage vor Weihnachten 2002 ein Paket in einem Labor im britischen Exeter abgegeben wurde, ahnte noch keiner, welche Auswirkungen der Inhalt des Paketes haben würde. Als die Wissenschaftler es gemeinsam öffneten, sahen sie zunächst nur ein besonders schönes Exemplar des Papilio ulysses, eines Schmetterlings mit braunen bis tiefschwarz gefärbten Körperstellen.¹ Genau diese schwarzen Partien des Schmetterlings hatten es den Forschern besonders angetan. Bereits die oberflächliche Analyse dieser schwarzen Stellen erstaunte die Wissenschaftler, denn ein derart intensives Schwarz hatten sie zuvor noch nicht gesehen. Dabei versuchten Physiker in Japan, England und den USA schon seit Jahren, das schwärzeste Schwarz der Welt künstlich herzustellen. Die Forscher aus Exeter beschlossen, dass es ein noch schwärzeres Schwarz geben müsse.
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