art value - Ausgabe 5
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RÜckschau

art value 5
3. Jahrgang 2009


Editorial

Liebe Leser,

Kunstbetrachtung ist sowohl im öffentlichen Raum ein privates Vergnügen als auch – und gerade da – in den eigenen vier Wänden. Die einsame Auseinandersetzung mit eigener Kunst ist eine geradezu intime Angelegenheit. Nicht von ungefähr sind private Kunstsammlungen in der Regel nicht öffentlich zugänglich. In letzter Zeit hat sich das jedoch geändert. Immer mehr private Kunstsammlungen suchen gezielt die Öffentlichkeit: durch Gründung eigener Museen, durch Ausstellung privater Sammlungen in öffentlichen Museen oder durch Kooperationen mit Galerien und Showrooms. Das hat durchaus Tradition. Die meisten Sammlungen öffentlicher Museen haben einen privaten Ursprung.

Ab einer bestimmten Größe und Güte scheint sich zwischen der Privatsammlung und der Öffentlichkeit ein wechselseitiger Anspruch zu ergeben: Sammlungen, deren Größe die Enge der Privatwohnung sprengen, reklamieren, von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Die Öffentlichkeit hingegen erhebt den Anspruch, dass ihr »wichtige Werke« der Kunst- und Zeitgeschichte nicht gänzlich vorenthalten werden dürfen.

Die Beiträge der fünften Ausgabe von »art value – Positionen zum Wert der Kunst« loten Nahtstellen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit aus. Sie entdecken den entsprechenden Wandel der Institutionen (Frank Maier-Solgk, Barbara Steiner, Thomas Olbricht), verfolgen den Grenzverlauf in die Geschichte hinein (Kristine Patz, Christiane Lukatis), zeigen, wie sich das Verhältnis von öffentlich und privat am einzelnen Kunstwerk (Christian Hammes, Franz Liebl) und am Betrachter-Individuum (Brigitte Boothe) niederschlägt und klären die Frage, wie sich das Recht am eigenen Bild zwischen den Sphären behauptet (Ben Irle, Ingmar Stein). Außerdem erörtern sie, warum das Besitzen von Kunst so schön ist (Ralf Grötker) und was eigentlich das Schöne überhaupt ist (Eberhard Ortland).

Und das Ganze ins Bild gesetzt hat der Künstler Matts Leiderstam, kuratiert von Anja Casser.

Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Nachbilder
Anja Casser

Ist egal, wem´s gehört?
Ralf Grötker

Mein Me in Berlin
Interview mit Thomas Olbricht

Going Public – Private Sammlungen auf dem Weg in die Öffentlichkeit
Frank Maier-Solgk

Carte Blanche für Sammler und Unternehmen
Barbara Steiner

Das Studiolo zwischen Gelehrtenstube und Museum
Kristine Patz

Das Unnachahmliche
Eberhard Ortland

»In meiner grünen Stube ist es herrlich«
Christiane Lukatis

Nobody owns me
Christian Hammes

Das Recht am eigenen Bild und das Interesse der Kunst
Ben M. Irle, Ingmar Stein

Die Wir-AG
Franz Liebl

Allein mit Kunst
Brigitte Boothe

Leseprobe

Ist egal, wem‘s gehört?
Vom kunstbezogenen Sinn privaten Sammelns: Eine Ehrenrettung

Ralf Grötker

Kunstsammler sind Leute, die in einer Galerie in Köln ein Werk erstehen und vereinbaren, dass man ihnen dieses in die Schweiz oder nach Florida transportiert – damit sie es von dort aus, als Trophäe von der Art Basel oder der Art Miami, wieder zurück bringen können. Unter Vortäuschung von wohltätiger Gesinnung präsentieren Sammler ihre Schätze in öffentlichen Museen und Ausstellungshallen – und freuen sich, wenn hinterher der Wert ihrer Kollektion durch die offiziell erfahrene Wertschätzung gestiegen ist. Ganz nebenbei nutzen sie ihre finanzielle Überlegenheit, um uns, in Zeiten leerer kommunaler Kassen, als Sponsoren von Kunstereignissen ihren Privatgeschmack aufzudrücken.

Sicherlich: dies alles sind Zuspitzungen. Man kann sich streiten über die allgemeine Aussagekraft von solchen Beobachtungen und Beschreibungen. Genau dieser Streit, der allenthalben um die Figur des Kunstliebhabers geführt wird, lenkt jedoch ab von einer vielleicht ebenso wichtigen Frage: Kann uns nicht gerade die private Sammeltätigkeit darauf aufmerksam machen, wo die Schwächen der verbreiteten Auffassung liegen, der zufolge Kunst als grundsätzlich öffentliche Angelegenheit begriffen wird, die als Kulturerbe zur allgemeinen Betrachtung freigegeben wird?

Man nehme zum Beispiel den Fall des Ehepaar Pietzsch. Pietzsches sammeln. Vor allem sammeln sie Surrealisten: Max Ernst, René Magritte, Joan Miró und Salvador Dalí. Dazu Abstrakt-Expressionistisches von Jackson Pollock, Ad Reinhardt und Mark Rothko. Im Sommer und Herbst 2009 haben sie einen Teil ihrer Sammlung im Rahmen einer Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – einer Ausstellung mit Künstlern, die man in vergleichbarer Zusammenstellung und mit ähnlichen Werken auch sonst an diesem Ort oder in anderen Kunstmuseen findet. Die Frage liegt nahe: Was bewegt jemanden dazu, eine solche Sammlung, die doch zumindest für den reisefreudigen Großstadtbewohner mehr oder weniger jederzeit zugänglich ist, besitzen zu wollen?

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