
RÜckschau
art value 4
3. Jahrgang 2009
Editorial
Liebe Leser,
können wir unter die Restitutionsfrage einen Schlussstrich ziehen, wie es kürzlich Norman Rosenthal in The Art Newspaper gefordert hat? Auf seine Provokation lässt sich nicht leicht mit einem Ja oder Nein antworten. Vor zehn Jahren tagte die Washingtoner Konferenz und verabschiedete mit den »Principles« internationale Handlungsempfehlungen im Umgang mit verfolgungsbedingt enteignetem Kulturgut. So lang das auch her zu sein scheint: Die Debatte um Provenienz und Restitution hat weder an Aktualität noch an Brisanz eingebüßt. Im Gegenteil.
Restitutionsgegner befürchten, dass restituierte Bilder der Sichtbarkeit entzogen werden könnten oder ihr künstlerischer Wert im Widerschein millionenschwerer Auktionsergebnisse gänzlich verschwindet. Die Befürworter der Restitution sehen die Notwendigkeit, historische Verantwortung wahrzunehmen und Gerechtigkeit und Fairness walten zu lassen. Weil beide Positionen starke Argumente haben, ist eines sonnenklar: Die Debatte muss geführt werden und zwar möglichst öffentlich, an historischen Erkenntnissen orientiert und – soweit das geht – sachlich.
Die Beiträge in dieser Ausgabe von art value kommen aus berufenem Munde: von Historikern in hohen kulturpolitischen Ämtern, von Provenienzforschern aus der unmittelbaren Praxis, von Rechtsgelehrten mit kritischer Distanz, von Kunsthistorikern, Schriftstellern, Fachjournalisten und Philosophen.
Künstlerin dieser Ausgabe ist die Berlinerin Kathrin Sonntag. Sie wird von der Kuratorin Janneke de Vries vorgestellt, die unser »Kuratoren-Staffelholz« von Katja Schroeder übernommen hat.
Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht Ihnen
Ihr Tilman Welther
Chefredakteur
Inhalt
Von V-Männern mit X-Beinen im D-Zug
Janneke de Vries
Zehn Jahre Washingtoner Prinzipien
Hermann Parzinger
»Die Grundlage muss historisches Wissen sein.«
Interview mit Uwe Hartmann
Provenienz und Prominenz
Bertold Schmidt-Thomé
Die Gold-Adele – Eine Lesegeschichte
Rolf Schneider
Kunstpreise einst
Michael North
Zerschlagung und Rekonstruktion der Sammlung Graetz
Angelika Enderlein
Von Opfern und Tätern
Alexandra Nina Bauer
Holzartenbestimmung und Jahrringanalyse
Peter Klein
Das Ready-Made begreifen
Marie-Noëlle Ryan
Aufstieg und Fall des Damien Hirst
Stefan Kobel
Materialwert und Kunstwert – eine Konfliktreiche Geschichte
Monika Wagner
Die Wertermittlung von Kunstgegenständen
Carl-Heinz Heuer
Leseprobe
Materialwert und Kunstwert – eine konfliktreiche Geschichte
Monika Wagner
1898 stellte der Wiener Architekt Adolf Loos in einem seiner zahlreichen Vorträge die provokative Frage »Was ist mehr wert, ein Kilo Stein oder ein Kilo Gold?« und fügte gleich im nächsten Satz eine irritierende Antwort hinzu: «Die Frage erscheint wohl lächerlich. Aber nur für den Kaufmann. Der Künstler wird antworten: Für mich sind alle Materialien gleich wertvoll«. Die Antwort mag zunächst verblüffen, doch bewegte sich Loos damit durchaus im Fahrwasser tradierter abendländischer Kunsttheorie. Ihr versuchte er auch im Bereich der Architektur Geltung zu verschaffen. »Der Künstler«, so Loos, »hat nur einen Ehrgeiz: das Material in einer Weise zu beherrschen, die seine Arbeit von dem Werte des Rohmaterials unabhängig macht«.
Das berührte die in der abendländischen Kunst zentrale Relation von Idee und Material, von Kunstwert und Materialwert. Zwar steht außer Frage, dass zu allen Zeiten seltene Materialien hoch geschätzt wurden, doch suchte man schon in der Antike ihren ökonomischen Wert wie ihren Gebrauchswert vom Kunstwert zu unter-scheiden. Schon Platon ließ Sokrates am Beispiel eines goldenen Quirls erläutern, dass Gold keineswegs automatisch die Dinge verschönere. Im Gegenteil, es schränke sogar deren Gebrauchswert ein. Denn ein goldener Quirl sei zum Rühren von Hirsebrei unangemessen, dysfunktional und daher hässlich. Auch für profane Kunstwerke wurden Edelmetalle von antiken Autoren nicht unbedingt geschätzt. Im republikanischen Rom warnten zum Beispiel Seneca und Cato, später auch Plinius, im Interesse der sozialen Ordnung vor Materialluxus und forderten für private Kunstwerke einfache Materialien, um nicht mit Götterbildern aus Gold und Elfenbein in den Tempeln zu konkurrieren.
In der Renaissance hatten Künstler, allen voran Leon Battista Alberti in seinem 1435/36 verfassten Traktat »Über die Malerei«, der materialbasierten Kunstbewertung eine radikale Absage erteilt. Alberti hielt es für bewundernswerter, »den Glanz des Goldes durch einfache Farben darzustellen« als in einem Bild Gold zu verwenden. Die Gestaltung als Ausdruck der Idee wurde von ihm höher bewertet als aller Materialwert. Den Vorrang des Kunstwerts vor dem Materialwert belegte in Albertis Argumentation auch die Überlegenheit künstlerisch gestalteter, in der Materialhierarchie jedoch weiter unten angesiedelter Materialien gegenüber wertvolleren, aber rohen Naturstoffen: »Mehr noch, wenn Blei, das billigste aller Metalle, unter der Hand eines Phidias oder Praxitiles die Form einer Statue annähme, erschiene es wohl wertvoller als Silber in ... unbearbeitetem Zustand.«
Mehr dazu in art value 4








