art value - Aktuelle Ausgabe
| art value 9 | 8| 7| 6| 5| 4| 3| 2| 1|

RÜckschau

art value 9
6. Jahrgang 2012


Editorial

»In times of copies we are the only original«, warb einst die Firma Xerox und spielte mit dem Potenzial der Kopie, das Original vom Thron zu stoßen. Dabei steht der hohe Stellenwert, den das Original in der Kunst hat, außer Frage. Aber es ist schwierig zu beurteilen, ob die Veränderung des Originals im Wandel der Zeit, nicht Teil seiner selbst ist.

Der Anwalt des Originals und seiner Zustände ist der Restaurator. Er nimmt die Verantwortung wahr, die eine Gesellschaft gegenüber ihrem kulturellen Erbe hat. In dieser Ausgabe von art value stellen wir Ihnen das Spektrum gegenwärtiger restauratorischer Herausforderungen vor. Das Berufsbild des Restaurators hat sich professionalisiert und durch die zunehmende Verwendung vergänglicher Materialien und die Etablierung neuer künstlerischer Medien ganz neue Dimensionen bekommen.

Die folgenden Texte zeigen Ihnen einerseits das theoretische Spektrum restauratorischer und konservatorischer Auseinandersetzung. Der Restaurator muss beispielsweise um die Idee eines Kunstwerks oder die Künstlerintention zu erhalten, bei einigen Werken der Konzeptkunst, kinetischer oder Videokunst bei Fragen des Materialerhalts Abstriche hinnehmen. In der Folge davon haben wir es mit nichts weniger als einem neuen Werkbegriff zu tun. Die Installationsanweisung, vergleichbar einer Partitur, tritt vereinzelt an die Stelle des materialiter Gegebenen.

Die Texte illustrieren andererseits, wie wesentlich der Restaurator für die Praxis des Kunstbetriebs ist: Der Kunsthandel arbeitet ebenso eng mit ihm zusammen wie der Kunstgutachter im Schadensfall. Auch im Museumsbetrieb tut eine höhere Wertschätzung restauratorischer Expertise Not.

Kurator Frank Thorsten Moll stellt Ihnen den Künstler Dirk Dietrich Hennig vor, der der restauratorischen Grundfrage: »Was ist original und was nicht?« ganz erstaunliche Antworten abgewinnt.

art value hat mit der Allianz Versicherung und der Berliner Rechtsanwaltskanzlei dtb zwei neue Kooperationspartner gefunden, worüber wir uns sehr freuen und wofür wir uns herzlich bedanken.

Ich wünsche Ihnen eine gewinnbringende Lektüre,

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Faktische Erfindungen – Erfundene Fakten
Zu den Arbeiten von Dirk Dietrich Hennig
Frank-Thorsten Moll

Quo vadis
Konservierung-Restaurierung?

Christian Leonhardt

3 x 12 Meter Nutella
Positionen zur Restaurierung zeitgenössischer Kunst
Eva Rieß

›As long as it lasts‹
Simone Miller

Flüchtige Werke, konkrete Werte
Über das Sammeln und Erhalten von Medienkunst
Joanna Phillips

Video ist kein Stil sondern ein Medium!
Zur Restaurierbarkeit von Medienkunst
Interview Herzogenrath

Erst Wandel, dann Handel?
Restaurierungen im Spannungsfeld zwischen Kunsthändlerwünschen und Werkerfordernissen
Silke Thomas

Braucht unser Ausstellungswesen Herzschrittmacher?
Anmerkungen zum Leihverkehr
Helmut Börsch-Supan

Restauratoren im Spannungsfeld von Eigentümern, Urheberrecht und Werkerhalt
Bertold Schmidt-Thomé

Kriterien schadensbedingter Wertminderungen
Schadensfälle aus Sicht eines Kunstgutachters
Bernd Noack

Der Schrei und der Kuchen
Stefan Kobel

Leseprobe

Braucht unser Ausstellungswesen Herzschrittmacher? – Anmerkungen zum Leihverkehr

Helmut Börsch-Supan

Kunstwerke werden zu Recht unter dem Gesichtspunkt der Qualität in Rangstufen geordnet. Zwar sind Qualitätsurteile niemals objektiv und messbar, und sie schwanken auch im Laufe der Zeit, aber es gibt doch unter den Verständigen einen Konsens darüber, was in die hohen Kategorien gehört. Man kann die Masse des Geschaffenen mit einem Gebirge vergleichen, dessen Gipfel von den Spitzenwerken gebildet wird. Zu ihnen wird man immer aufschauen müssen. Sie sind unerschöpflich in ihrer Aussage, und deshalb wäre ihr Verlust überaus schmerzlich.

Während jedoch ein Bergsteiger sich von unten nach oben bewegt, bildet sich unser Qualitätsurteil in umgekehrter Richtung von oben nach unten. Wir kennen die großen Meister zuerst und beschäftigen uns mit ihnen, ehe wir uns den nur Tüchtigen, den Zweitrangigen, aber immer noch Bewundernswerten zuwenden. Es geht immer weiter nach unten, wobei wir auch hier konservatorisches Verantwortungsgefühl und Respekt aufzubringen haben, bis wir zu einer Schicht kommen, wo uns das nicht mehr möglich ist. Es gibt eben Kitsch, Geschmacklosigkeit, Stümperei, der für den einen oder anderen einen Erinnerungswert haben mag, allenfalls auch eine dokumentarische Aussage macht.

Worum es mir bei diesem Bild geht, ist die Idee, diese höchsten Gipfel vor der Mobilität zu bewahren, die ein Götze unserer Zeit ist. Es müsste eine Liste von Kunstwerken geben, die unter keinen Umständen zu Ausstellungen ausgeliehen werden dürfen, so wie es Listen von Kulturgut gibt, das nicht ins Ausland verkauft werden darf. Geht es hier jedoch nur um die Wahrung nationaler Interessen, so läge der Schutz von Spitzenwerken vor Mobilität im Interesse der Menschheit.

Mehr dazu in art value 9