art value - Aktuelle Ausgabe
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Rückschau

art value 11
7. Jahrgang 2013


Editorial

Kalkül und Zündung

Liebe Leser,

Unternehmenskunstsammlungen sind neben öffentlichen Museen, privaten Sammlungen und Kunstvereinen ein Gravitätszentrum des Kunstbetriebs. Unternehmen vergeben hoch dotierte und nicht nur deswegen begehrte Preise an junge Künstler, sie vervollkommnen Museumssammlungen mit ihren Leihgaben und sie verfügen im Gegensatz zu den meisten Museen noch über Ankaufsetats. Dabei führten sie in der öffentlichen Wahrnehmung lange ein Schattendasein, auch wenn es so prominente Beispiele wie die Sammlungen von Frieder Burda oder Marli Hoppe-Ritter gibt oder etwa die Sammlung Würth.

Mag sein, dass das an Vorbehalten gegenüber allem liegt, was nach Verquickung von Kunst und Kapital aussieht. Ihnen scheint die ökonomische Vernunft im Widerspruch zur Kunst zu stehen, der man bereitwillig zuschreibt, gerade jenseits der Zweckoptimierung ihre stärkste Wirkung zu entfalten. Auf diesem Widerspruch beharren kann jedoch nur, wer noch nicht die Erfahrung
gemacht hat, dass ökonomischer Erfolg nur zu einem vergleichsweise kleinen Teil auf kaufmännisches Kalkül zurückzuführen ist. Vielmehr ist auch hier die zündende Idee und ihre konsequente Umsetzung entscheidend.

In dieser Ausgabe von art value klären Alessa Rather, Anne-Marie Beckmann und Sarah Ludewig die Frage, was Unternehmen überhaupt veranlasst, Kunst zu sammeln und auf wie unterschiedliche Weise sie es tun. Thomas Wagner und Dirk Luckow analysieren das Spannungsverhältnis zwischen Unternehmenskunstsammlungen und Museen. Vom juristischen Rahmen für die Unternehmenskunstsammlung berichten Bertold Schmidt-Thomé und Lucas Elmenhorst, während Tobias Schmitz den Rahmen als solchen kunsthistorisch würdigt. Rosa Schmitt-Neubauer schildert die Praxis des Kunstankaufs des Unternehmens Bundesrepublik Deutschland und Heiko Friehe zeigt Ihnen, wie Unternehmen Bilanz über ihre Kunstwerke ziehen.

Gleich zu Beginn führt Kurator Maik Schlüter Sie mit einem bilderreichen Text in die Textur der Bilder unseres Heftkünstlers Andreas Schulze ein.

Ich wünsche Ihnen eine gewinnbringende Lektüre,

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Spiegelungen [Mirror L.A.)
Maik Schlüter

U.S. Triology II
A Los Angeles Story
Fotografien von Andreas Schulze

Kunst statt Kerngeschäft?
Corporate Collections in Deutschland

Gemeinsamkeiten, Unterschiede und die Berechtigung
von Kunst im Unternehmen
Alessa Rather

Horizonte öffnen – Dampf ablassen
Mitarbeitermotivation durch Kunst am Arbeitsplatz
Anne-Marie Beckmann

Corporate Collections im Dialog mit der Gesellschaft
Sarah Ludewig

Kapital plus Kunst
Corporate Collections haben noch immer mit vielen Vorurteilen zu kämpfen
Thomas Wagner

Win-Win- und viel schwierigere Situationen
Dirk Luckow, Intendant der Hamburger Deichtorhallen, im Gespräch mit art value

Die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland
Rosa Schmitt-Neubauer

Eine Kulturgeschichte der Bilderrahmung
Tobias Schmitz

Unternehmer- oder Unternehmenssammlungen ?
Kunst sammeln in Unternehmen
Bertold Schmidt-Thomé, Lucas Elmenhorst

Bilanzierung und Bewertung von Kunst- und Kulturgütern bei Corporate Art Collections
Heiko Friehe

Leseprobe

Spiegelungen (Mirror L.A.)

Maik Schlüter

Die Stadt als Display: Los Angeles. Ein urbanes Raster. Spiel- und Stadtplan zugleich. Die Stadt der Kürzel und Chiffren: LAPD, UCLA, MOCA, LACMA, LAX etc. Eine Stadt der Ab- und Aussperrungen. Hier ist die repräsentative Architektur immer eine Abwehrhaltung, grafisch verschönert, begründet durch postmoderne Theorien, aber eben auch Gefängnis, Schutzwall und Grenzzaun. Denn Immobilien sind teuer, und die Logik des städtischen Ausverkaufs fordert die Protagonisten heraus: East L.A., South Central, Echo Park sind die bösen Spiegelbilder von Venice, Santa Monica oder Hollywood. Kein Tag ohne Verbrechen. Kein Tag ohne den leeren blauen Himmel. Kein Tag ohne Pressekonferenz. Kein Tag ohne Bilder.

Los Angeles ist Falle und Ausweg, Bild und Nachricht, Ort und Unort, Heimat und Verbannung. Die Kultur ist wandelbar: immer wieder muss der Fokus scharf gestellt werden. Die Brennpunkte des Geschehens verschieben sich schnell. Was eben noch die Aufmerksamkeit bannte und klar erkennbar war, ist jetzt schon wieder verrutscht, verschoben, unscharf, weniger wichtig. Eine Welt am illusionären Draht. Ein selbstreferenzielles System. Der Modus ist auf die Produktion von Mythen und harter Realität eingestellt. Mythen sind in Los Angeles jung und Realität ist Gesetz. Das goldene Zeitalter wirkt fast schon prähistorisch. Die Vergangenheit ist gerade mal gestern. Blicke und Darbietungen sind immer extrem. Im Fokus der Paparazzi ist alles gleichwertig: Set und Sex, Auftritt und Exzess, Leben und Sterben. Unbarmherzig. Gierig. Fragmentarisch. So obsessiv und perfekt wie Pornografie. Und was sind die massakrierten Körper der Silikonbrustträgerinnen anderes als eine pornografische Orgie, die ihre Fortsetzung im kranken hypergesunden Körper des Bodybuilders findet? Körper haben Wölbungen, Fett, Haare, Deformationen, Narben – immer tragen sie ihre Zeitlichkeit und Instabilität mit sich. Daher der blanke Voyeurismus und die Freude am Schmerz der Stars bei jeder erkennungsdienstlichen Prozedur. Aber auch andere Lebensentwürfe sind jenseits dieser artifiziellen Welt einer strategischen und einer illusionären Planung unterworfen. Viel zu oft sind es bloß noch illusionäre strategische Planungen. Benutzt wirst du immer und überall. Erfolg ist eine Frage der Bezahlung.

Aus einer Hügellandschaft wurde Hollywoodland. Hollywood machte aus den Immobilien und Baugrundstücken ein Label. Das Label wurde zum Mythos. Heute ist Hollywood ...

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