art value - Aktuelle Ausgabe
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Rückschau

art value 12
7. Jahrgang 2013


Editorial

Das Auto ist einst angetreten, den Raum zu überwinden. Wer Oldtimer sammelt, will darüber hinaus auch noch die Zeit anhalten. Das Sammeln von Oldtimern spielt mit den Dimensionen von Raum und Zeit und mit den Verführungen, die von Zeitreisen ausgehen.

Viele Kunstsammler sammeln auch Oldtimer. Sammler von Oldtimern und Kunstsammler haben viel gemein: die Leidenschaft, das Besitzenwollen, die Begeisterung für die Form, die Farbe, das sinnliche Erlebnis und nicht zuletzt für die Geschichten, die sich zu jedem einzelnen Objekt erzählen lassen.

Dabei erscheint diese Symbiose durchaus erklärungsbedürftig. Denn das Automobil ist der Inbegriff der ökonomischen Vernunft, der Weltbeherrschung durch industrielle Vormachtstellung. Es steht aber gleichermaßen auch für die hemmungslose Ausbeutung lebensweltlicher Ressourcen. Kunst steht in all diesen Punkten für das genaue Gegenmodell: Für die Freiheit von ökonomischen Zwängen, gegen das Diktat von Verwertungszusammenhängen, für den Erhalt, die Dauer, das Erhabene.

Die Beiträge in dieser Ausgabe von art value sind Streifzüge durch dieses Spannungsfeld. Wie in kaum einer Ausgabe zuvor trifft dies auch und gerade auf die visuellen Beiträge unserer Heftkünstlerin Corine Vermeulen zu.

Ich wünsche Ihnen eine gewinnbringende Lektüre,

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Detroit, eine Autostadt im 21. Jahrhundert
Zu den Arbeiten von Corine Vermeulen
Kerstin Niemann

Bewegte Pracht vergangener Tage
Dirk Boll

Freiheitssymbol und Todesgefährt
Das Auto in der Kunst des 20. Jahrhunderts
Harriet Häußler

Autodesign
Eigenarten einer Königsdisziplin

Bernd Polster

Rost – Eine Annäherung
Jutta Weber

Die Restaurierung von Fahrzeugen und die Charta von Turin
Dirk Voigtländer

Faszination Flügeltürer
Hans Kleissl

Schlechtes Autodesign ist visuelle Umweltverschmutzung
Interview mit Florian Hufnagl

Oldtimerrecht
Romanus Schlemm

Why the collector is more important than »the market«
Markus Stolz

Leseprobe

Detroit, eine Autostadt im 21. Jahrhundert
Zu den Arbeiten von Corine Vermeulen

Kerstin Niemann

Motor City, Motown, the D, Rock City, Auto City – sind weitläufig bekannte Namen für die alte Industriestadt am Detroit River. Keine andere Stadt der westlichen industrialisierten Zivilisation prägte die Automobilgeschichte
wie Detroit. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie das weltweite Zentrum der Automobilherstellung. Das Auto ist zugleich Fluch und Segen für diese Stadt. Henry Fords Einführung der Fließbandproduktion radikalisierte die Automobilproduktion auf moderne Art und Weise und schaffte Arbeitsplätze. Anfang des 19. Jahrhunderts folgten seinem Ruf nach gut bezahlter Arbeit, Wohl stand und fortschrittlichem Leben, nicht nur Immigranten aus Europa, sondern auch billige und ungelernte Arbeitskräfte wie die Afroamerikaner aus den Südstaaten und jene, die anderswo in den Vereinigten Staaten keine
Perspektive sahen. Das Automobil entwickelte sich zu einem Massenprodukt, der amerikanische Traum auf Rädern. Es avancierte zu einem Zeichen von Freiheit, des Wohlstandes und der Individualisierung. Fast jeder Fabrikarbeiter konnte sich ein Auto leisten, und der individualisierte Transport setzte sich gegenüber den öffentlichen Verkehrsmitteln durch. Die Menschen bauten vermehrt in den Vorstädten ihre Einfamilienhäuser, und die Fläche der Stadt dehnte sich schnell aus. Die Einwohnerzahl von Detroit wuchs auf fast zwei Millionen Menschen zwischen 1900 und 1950, entsprechend wurde ihre Infrastruktur dem Automobil angepasst. Während des zweiten Weltkriegs wurde dort zum Beispiel die erste innerstädtische Autobahn der Welt gebaut, der Davison Freeway M-8. Das motorisierte Fortbewegungsvehikel, mit dem diese Ausbreitung in die Fläche überhaupt erst möglich wurde, beherrschte über Jahrzehnte die Infrastruktur und die Identität der Menschen. Diese Autostadt
steht wie keine andere für die Geschichte der Nachkriegsentwicklung moderner Großstädte, die durch die Vorherrschaft monostruktureller Entwicklungspfade
gekennzeichnet sind.

Kunst, Handwerk und Industrie teilen in Detroit eine gemeinsame Tradition und eine lange und miteinander verwobene Geschichte. Detroit war in den 20er und 30er Jahren die viertgrößte Metropole Nordamerikas, und der Wohlstand in dieser Stadt fand nicht nur Ausdruck in der Automobilherstellung sondern auch in Architektur und Infrastruktur. Der Bundesstaat Michigan war das Epizentrum
moderner Architektur, Detroit ziert auch heute noch zahlreiche Prachtbauten aus der Art-déco-Zeit.

Die Massenproduktion industrieller Güter war der Meilenstein für Detroits ökonomisches Wachstum Ende des 19. Jahrhunderts. Handgefertigte Waren schienen vom Markt zu verschwinden und wurden mehr und mehr ersetzt durch maschinengefertigte Produkte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trat das Arts and Crafts Movement diesem Industrialisierungsprozess entgegen. Die Kunst und Tradition des individuellen Handwerks sollte geschützt und ihre Bedeutung für Mensch und Gesellschaft hervorgehoben werden, industriell Gefertigtes wurde verpönt.

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