art value - Aktuelle Ausgabe

Aktuell

art value 15
9. Jahrgang 2015


Editorial

Wiegen der Kultur

Antiken sind Gegenstand größter Sammlerleidenschaft, die dem Sammeln von Kunst in nichts nachsteht. Während es bei Nazi-Raubkunst inzwischen ein Bewusstsein für prekäre Provenienzen gibt, ist das bei Antiken anders. Erst in jüngster Zeit, nicht zuletzt in Verbindung mit Nachrichten über Antikenhandel als Finanzierungsquelle des IS-Terrors, nehmen internationale Bemühungen
zu, Gesetzgeber, Zollfahndung, Händler und Sammler für fragwürdige Herkünfte von Antiken zu sensibilisieren.

Einstweilen erfolgte ein Hilferuf an die internationale Staatengemeinschaft. Doch die Etablierung und Umsetzung von Schutzmaßnahmen hat mit diplomatischen, legislativen, kulturellen und finanziellen Hürden zu kämpfen, die schier unüberwindbar erscheinen.

Die politische Diskussion über die Restitution von Kulturgütern zeigt indes, dass die Gesamtlage auch ganz andere Facetten hat. Denn das Interesse, das Händler, Sammler und nicht zuletzt Museen an Antiken haben, verspricht Kulturgütern nicht nur Sicherheit vor Verlust und Zerstörung, sondern auch kulturhistorische Wertschätzung und öffentliche Sichtbarkeit. Sie ermöglichen Begegnungen
mit Antiken, die uns an die Wiege unserer Kultur führen können. Antiken zu würdigen, ist Ausdruck des Respekts gegenüber den eigenen kulturellen Wurzeln. Sie zu bewahren ist das Medium, in dem wir ihrer erinnern.

Wie wenig verlässlich das sein kann, was einem subjektiv als Erinnerung begegnet, zeigt Andreas Schmid, Kurator dieser Ausgabe von art value. Er stellt den jungen Pekinger Künstler Yu Honglei vor und macht in der Unmöglichkeit, sich zweimal auf dieselbe Weise zu erinnern, ein spezifisches Produktionsprinzip aus.

Eine inspirierende Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Von Erinnerungen
Zu den Arbeiten von Yu Honglei
Andreas Schmid

Geschichte des rechtlichen Schutzes Archäologischer Kulturgüter
Kurt Siehr

Eine Weltweite Seuche
Hermann Parzinger

Der Markt der Antiken
Größe, Institutionen, Funktionsträger
Susanne Lux

Die Rolle des Handels und des Museums bei der Bekämpfung illegalen Antikenhandels
Eine Gesprächsrunde mit Gabriele Pieke und Vincent Geerling

Über Schätze und Zufallsfunde im heutigen China
Yutao Gao

Italiens Kampf gegen Raubgrabungen und illegalen Antikenhandel
Daniel Graepler

Angaben zur Objektherkunft sind das A und O
Interview mit Monika Grütters

Vom Kavaliersdelikt zur Wirtschaftsstraftat
Strafbarkeit im Kulturgüterrecht
Mara Wantuch-Thole

Die Restitution eines Marmorkopfs von Marcus Aurelius
Ein Fallbeispiel und was daraus folgt
William Webber

Leseprobe

Die weltweite Seuche
Hermann Parzinger

Der unersättliche Appetit nach archäologischen Artefakten zerstört das kulturelle Erbe der Menschheit. Wa rum Kulturgutschutz unser aller Verantwortung ist.

Gerade in den vergangenen Monaten ist es wieder überdeutlich geworden: Raubgrabungen und der illegale Handel mit Antiken sind ein Geschäft, bei dem viele gewinnen, das kulturelle Erbe der Menschheit hingegen seiner Vernichtung entgegengeht. Weltweit tauchen Jahr für Jahr immer mehr archäologische Objekte auf dem internationalen Kunstmarkt auf, die ganz sicher nicht aus genehmigten wissenschaftlichen Grabungen stammen. Schätzungen der UNESCO zufolge liegt der illegale Handel mit Antiken aus Raubgrabungen knapp hinter den größten illegalen Märkten mit Waffen, Drogen und Prostitution. Auch wenn dies nur geschätzt sein mag, die Dunkelfeldforschung dazu ist gerade erst angelaufen, so kann kein Zweifel bestehen, dass der Umfang erschreckend ist.

Die Welt blickt schockiert auf die systematische Zerstörung von herausragenden Kulturdenkmälern durch den so genannten Islamischen Staat (IS) in Mossul, Nimrud und Hatra und jetzt wohl Palmyra. Die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan vor wenigen Jahren durch die Taliban haben wir noch eindrücklich vor Augen. Derartige Barbarei, die unser aller kulturelles Erbe unwiederbringlich auslöscht, ist ein Verbrechen gegenüber der Weltgemeinschaft insgesamt. Doch die Vernichtung ist nur die eine Seite dessen, was im Nahen Osten mit zum Teil Jahrtausende alten archäologischen Stätten geschieht: Bevor der IS diese Orte mit Bulldozern und Dynamit zerstörte, hatte er dort zuerst die Antiken und andere archäologische Objekte geplündert, die sich auf den Kunstmärkten der Welt immer noch bestens mit hohen Gewinnen verkaufen lassen.

Plünderungen und Raubgrabungen sind jedoch nicht nur im Nahen Osten weit verbreitet, und nicht allein die »Gotteskrieger« tragen bei zur Vernichtung des kulturellen Erbes der Menschheit. Weltweit werden Objekte durch Raubgrabungen ihres kulturgeschichtlichen Kontexts für immer beraubt und Bodendenkmäler unwiederbringlich zerstört – manchmal systematisch organisiert, manchmal im kleinen Rahmen; in »antikenreichen« Ländern wie Griechenland, Italien, Mexiko, Kolumbien und vielen mehr, aber auch in Deutschland. Die Gier nach Antiken ist wie eine Seuche, die auch vor unserer Haustür grassiert und gegen die noch kein Gegenmittel gefunden scheint. Öffentliche Museen in Deutschland und der Welt erwerben längst keine Antiken mehr ohne gesicherte und nachgewiesene Provenienz – Ausnahmen schlagen zu Recht hohe Wellen in den Medien und haben schon folgenschwere Prozesse mit deutlichen Strafen nach sich gezogen. Aber gerade im privaten Bereich existiert offenbar immer noch ein schier unersättlicher Appetit nach archäologischen Artefakten – es wird erworben, ohne Rücksicht auf die fatalen Hintergründe, aus denen diese Stücke stammen. Genau hier muss eine veränderte Bewusstseinsbildung ansetzen: Es ist eben kein Kavaliersdelikt, im Urlaub eine antike Vase oder ein Skulpturenfragment zu erwerben...

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