art value - Aktuelle Ausgabe

Aktuell

art value 16
9. Jahrgang 2015


Editorial

Licht, Anfang und Ende

Das Jahr 2015 war von der UN-Generalversammlung zum »Internationalen Jahr des Lichts und der lichtbasierten Technologien« ausgerufen worden, um die zentrale Bedeutung des Lichts als elementare Voraussetzung des Lebens in Wissenschaft und Kultur zu würdigen. art value hat das Jahr über mit zwölf Autoren Themen erarbeitet, die den Stellenwert des Lichts für die Kunst sichtbar machen und die wir in dieser Ausgabe von art value dokumentieren.

Licht ist die physikalische Voraussetzung (Rolf Heilmann) aller Sichtbarkeit schlechthin. Zeitgleich mit dem Beginn der Grundlagenforschung der Physik des Lichts durch Isaac Newton und Christian Huygens – der eine begründete die Teilchentheorie, der andere die Wellentheorie – entdeckte die Malerei im 17. Jahrhundert das Licht als Sujet und als Darstellungstechnik (Stefan Albl). Klar davon zu unterscheiden ist jedoch, was sich unter der Bezeichnung Lichtkunst, zwar nicht ewig, aber bis in die Antike zurückverfolgen lässt (Bettina Catler-Pelz) und im 20. Jahrhundert eigene Preisbildungsmechanismen auf dem Kunstmarkt ausgeprägt hat (Harriet Häußler). Von der Lichtkunst wiederum zu unterscheiden, oder als eine ihrer Spielarten zu beschreiben, ist die Architektur (Grischa Leifheit). Das Ewige Licht kehrt im aktuellen Zeitalter des Lichtsmogs in Form einer Glühbirne in einer kalifornischen Feuerwache wieder (Georg Maria Roers).

Neben seiner Funktion als Bedingung der Möglichkeit, überhaupt etwas zu erkennen und zur Geltung zu bringen, hat das Licht auch Kehrseiten: eine metaphysische und eine zerstörerische. Die metaphysische Kehrseite führt in die Dunkelheit, in das Reich der Blinden – interessanterweise aber nicht in die Unsichtbarkeit (Cordelia Dvorák). Die zerstörerische Kehrseite des Lichts führt zu vehementen Schäden insbesondere an Kunstwerken auf Papier (Georg Josef Dietz, Yvonne Hilbert, Irene Brückle), auch wenn die Museumslichttechnik dank LED enorme Fortschritte gemacht hat (Ralf-Dieter Wershoven). Es ist vertrackt: ohne Licht sieht man nichts, mit zu viel Licht aber auch nicht. Es steht ganz am Anfang und besiegelt das Ende.

Kurator Heinz-Norbert Jocks stellt Ihnen in dieser Ausgabe von art value den chinesischen Künstler Li Gang vor.

Eine inspirierende Lektüre wünscht

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Mäntel aus Abfall oder Wenn Leben in Kunst übersetzt wird
Ein Versuch über die Werke von Li Gang
Heinz-Norbert Jocks

Naturwissenschaftliche Bilder vom Licht
Rolf Heilmann

Licht in der Malerei des 17. Jahrhunderts in Rom
Stefan Albl

Licht in der Bildenden Kunst
Ein Streifzug durch die gemeinsame Geschichte von Licht, Bildgebung und Wahrnehmung
Bettina Catler-Pelz

Von der Sonne zur Glühbirne ins All
Georg Maria Roers SJ

Das Licht der Blinden. Blinde Fotografie
Cordelia Dvorák

Mehr Licht? besser nicht!
Lichtempfindlichkeit und Lichtschutz bei Kunstwerken auf Papier
Georg Josef Dietz, Yvonne Hilbert, Irene Brückle

Licht und Schatten in der Architektur
Grischa Leifheit

Wertsteigerungen und Wertminderungen in der Lichtkunst
Harriet Häußler

Die Farbwiedergabe von Kunstlichtbeleuchtung in Museen
Ralf-Dieter Wershoven

Leseprobe

Mäntel aus Abfall
oder Wenn Leben in Kunst übersetzt wird

Ein Versuch über die Werke von Li Gang
Heinz-Norbert Jocks

Vor genau fünf Jahren machte ich in Beijing die Entdeckung seines Werkes, oder anders formuliert: Dieses sprach mich innerlich wie ein Fremder an, den man zufälligerweise auf der Terrasse eines Pariser Cafés erspäht. Bei aller Zurückhaltung seiner Erscheinung, die sich gerade durch ihren in sich gekehrten Ausdruck von allem anderen abhebt, strahlt diese etwas aus, das, über das rein Äußere hinaus, auf eine innere Verbundenheit verweist, und zwar ganz so, als wäre dieses ein Erstlingszeichen, nur für was? Hatte Thomas Mann in seiner Novelle »Der Tod in Venedig « nicht die heimliche Verwandtschaft beschworen, die sich unbewusst zwischen einem Werk und seinem Betrachter einstellt? So jedenfalls dämmert es mir im Juli des Jahres 2010 angesichts einer Arbeit, die ich während eines meiner regelmäßigen Besuche bei dem chinesischen Performance- Künstler He Yunchang in dessen in Caochangdi gelegenen Atelier links an der Wand neben dem zu einem ummauerten Vorgarten mit kleinem Fischteich führenden Ausgang erblickt hatte. Was mir dort entgegenschien, war ein gelblicher, aus der Dunkelheit auftauchender Lichtkegel, dessen Strahlkraft zu den Rändern hin langsam ausfranst. Doch ist dieser weder gemalt, noch fotografiert. Alles andere als auf herkömmliche Weise dargestellt und gerade dadurch von einer gänzlich anderen Wirkung als alles, was ich bis dahin gesehen hatte. Ja, diese intensive Leuchten der Lichtkreisrandzone, die den Kampf oder den Übergang zwischen Licht und Finsternis versinnbildlicht, wirkt zwar wie eine seltene Fantasie des Naturschönen. Ist aber mehr ein aus den Erfahrungen mit der Natur gewonnenes, von ihr inspiriertes Zeugnis des Kunstschönen. Auf die Frage, wer der Künstler sei, zeigte He Yunchang auf Li Gang, seinen damals 24-jährigen Assistenten, der uns kurz zuvor Tee mit vornehmer Freundlichkeit nachgegossen hatte.

Ein paar Tage später traf ich ihn wieder, um mir weitere Werke zeigen und mich in die Geschichte ihrer Entstehung einführen zu lassen. Bei dieser Begegnung erfuhr ich, dass er für die Arbeit, die meine Neugierde geweckt hatte, statt sich der Farbe zu bedienen, mit transparentem Klebeband, wie man es für Pakete verwendet, experimentiert hatte. Auf schwarzem Acryl hatte er die Form des Lichtrandkreises mithilfe des Klebebandes quasi gezeichnet. Dort, wo mehrere Scotch-Schichten aufeinander lagerten, nahm die Helligkeit durch die stärkere Lichtreflexion zu.

Eine ganze Serie hat Li Gang auf diese Weise geschaffen. Doch dabei handelt es sich um keine Wiederholung oder Ausschlachtung des gleichen Motivs. Vielmehr um die Imaginierung einer skulpturalen, diverse Assoziationen wachrufenden Form. Auch hier der Eindruck, dass...

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