art value - Aktuelle Ausgabe

Aktuell

art value 17
10. Jahrgang 2016


Editorial

Katalytische Vorgänge

Der Begriff des Katalysators wird seit rund 30 Jahren von der Automobilindustrie in Beschlag genommen. Als Apparat zur Abgasreinigung wird er als ökologisches Feigenblatt der Autoindustrie instrumentalisiert. In der Chemie versteht man hingegen unter einem Katalysator den Auslöser und Beschleuniger einer Reaktion, einen Stoff, der geeignet ist, eine Reaktion früher und nachhaltiger oder überhaupt erst stattfinden zu lassen, ohne selbst dabei verbraucht zu werden.

Wir übertragen in dieser Ausgabe von art value den Begriff des Katalysators auf Situationen, in denen der Kunst diese Rolle zukommt. In vielen gesellschaftlichen, politischen und ganz privaten Kontexten ermöglicht die Begegnung mit Kunst, Konstellationen aufzubrechen, völlig neue Perspektiven aufzuzeigen und Erkenntnisse zu bewirken, zu denen es ohne diese Begegnung nicht gekommen wäre.

Dabei geht es nicht um eine Grille der Kunst oder ein nettes Add-on. Grischka Petri zeigt, wie sehr das Gebot der Freiheit der Kunst und der regelmäßig die Gemüter erhitzende Kunstskandal sich wechselseitig bedingen. Seit den Avantgarden wird die Kunst auf den radikalen Bruch mit allem Gewesenen verpflichtet, was Bernd Schon anhand des Unterschieds von inkrementeller und disruptiver Innovation fruchtbar macht und in sieben sehr anschaulichen Lektionen zum Verhältnis von Kunst und Ökonomie darstellt. Auch die Darstellung Tiago da Costa e Silvas, wie aus ästhetischer Erfahrung sukzessive bewusste Erkenntnis wird, ist die Beschreibug eines katalytischen Vorgangs, der nicht nur Energie freisetzt, sondern neue Formen und neues Bewusstsein prägt.

Das katalytische Potenzial der Kunst findet sich aber nicht nur in der Theorie. Wie sehr es im praktischen Leben relevant wird, schildern Andrea Romero aus der kunsttherapeutischen und Tilmann Moser aus der psychoanalytischen Praxis. Juliet Kothe und Dorothea Lemme vom Kulturkreis des BDI und Wolfgang Weikert mit einem eigenen Institut haben wir gebeten, ihre Programme zu beschreiben, mit denen sie das katalytische Potenzial der Kunst heben und für die Vermittlung von Management-Skills fruchtbar machen.

Kurator Michael Hübl stellt Ihnen den Maler, Zeichner und Radierer Gerd van Dülmen vor.

Durch die Lektüre sich entzündende Ideen wünscht

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Wohlüberlegt und genau kalkuliert
Zu den Arbeiten von Gerd van Dülmen
Michael Hübl

Succès de scandale oder die nackte Wahrheit?
Eine Folgenbetrachtung künstlerischer Provokationen
Grischka Petri

Die Wirksamkeit der Kunsttherapie
Andrea Romero Guerrero

Nervenkrisen im Museum
Gedanken zum Stendhal-Syndrom
Tilmann Moser

Dis | rupt | ion
Ein künstlerisches Paradigma als Inspiration der Ökonomie
Bernd Friedrich Schon

Ästhetische Erfahrung als Quelle unzähliger Inventionen
Tiago da Costa e Silva

Manager mit Pinsel?
Künstler als Innovations- und Stimulationsressource
Juliet Kothe, Dorothea Lemme

Sehen, Hören und Verstehen lernen – kompetent darüber reden können
Ein Beitrag zur Bedeutung kultureller Bildung für Führungskräfte der Wirtschaft
Wolfgang Weikert

Leseprobe

Wohlüberlegt und genau kalkuliert

Zu den Arbeiten von Gerd van Dülmen
Michael Hübl

Konvolut? Fundus? Mit einfachen Begriffen ist das Gesamtwerk des Malers, Zeichners und Radierers Gerd van Dülmen nicht zu fassen. Steinbruch? Schatz? Metaphorische Umschreibungen führen in die Irre. Fest steht nur so viel: In den vergangenen fünf, sechs Jahrzehnten hat van Dülmen Tausende von Tafelbildern und graphischen Blättern fertiggestellt. Wobei es sich wohlgemerkt nicht um flüchtige Skizzen oder genialische Notate, sondern um sorgsam durchgearbeitete, in ihren ästhetischen Mitteln höchst reflektierte Werke handelt. Die allerdings zum weitaus größten Teil wenig oder gar nicht bekannt sind.

Als Gerd van Dülmen 1974 den Entschluss fasst, einem Ruf an die Kunstakademie Karlsruhe zu folgen, lebt er bereits lange in Berlin und hat sich nicht nur dort einen Namen als kühl sachlicher, messerscharf exakter Zeichner gemacht. Mit stahlhartem Strich bringt er kafkaeske Hybridwesen zu Papier, die eingebettet sind in graphitweiches Schwarz von metallischer Ambivalenz. In diesen Blättern herrscht eine unterschwellig sexuell aufgeladene Spannung zwischen technoider Perfektion und animalischer Bedrohung. Die Menschen, die van Dülmen ab dem Ende der 1960er- bis in die Mitte der 1970er-Jahre zeichnet, sind eingezwängt in steril anmutende Apparaturen und werden nicht selten von Insekten heimgesucht, die aussehen, als hätten sie an einer Wunde angedockt, um sich flügelschlagend in das Fleisch des muskulösen Opfers zu fressen.

Nachdem van Dülmen Anfang der 1960er-Jahre fast drei Jahre lang Mittel- und Südamerika bereist hat, bricht er jetzt in seiner Karlsruher Zeit wiederholt zu kürzeren oder längeren Aufenthalten nach Madrid oder Mailand auf. In Norditalien lässt er die von Erdtönen, aber auch von einer stumpfen Industrieästhetik geprägte Farbigkeit auf sich wirken. In der spanischen Hauptstadt wiederum vertieft van Dülmen seine Auseinandersetzung mit El Greco, vor allem aber mit Velázquez, mit dem er sich schon früh befasst hatte und der ihm wichtig wurde, weil er in dessen Werk eine nüchterne, nachgerade lakonische Gleichstellung von Schönem und Hässlichem, von offenbarem Glanz und latentem Grauen fand. Malerische Eleganz neben dunkler Abgründigkeit, nichts wird beschönigt, nichts mahnend dramatisiert: In diesem Sinn fasst van Dülmen Velázquez auf, und aus dieser Haltung heraus geht er ans Werk, wobei sich der Schwerpunkt der künstlerischen Praxis auf die Malerei verlagert, auch wenn weiterhin graphische Arbeiten, insbesondere Radierungen von makelloser zeichnerischer und technischer Präzision entstehen.

Mit den Mitteln ändern sich die Motive. Genauer: Van Dülmen gelangt zu anderen, neuen Darstellungsformen. In einer Art Übergangsphase zeigt er ...

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