art value - Aktuelle Ausgabe

Aktuell

art value 21
12. Jahrgang 2018


Editorial

1969 – Rückzug in unendliche Weiten

Während die »1968er Jahre« zum Synonym für politische Revolte geworden sind, für die Studentenbewegung, die gegen das herrschende politische System aufbegehrte, geht mit dem Jahr 1969 ein Jahrzehnt zu Ende, das für weitreichende Umbrüche in vieler Hinsicht steht – längst nicht nur in politischer. Es ist das Jahrzehnt der Entgrenzung, das 1969 kulminiert. Die Mondlandung zeigt, dass alle technischen und räumlichen Grenzen überwunden werden können, die Grenzen zwischen privat und öffentlich, zwischen männlichen und weiblichen Gesellschaftsmustern verschwimmen seither, und in Woodstock findet die Hippie­Bewegung gleichermaßen ihren Höhepunkt und ihr Ende. Der Eskapismus, die Flucht aus der Wirklichkeit, ist Teil ihrer selbst geworden.

So entstehen diverse Wirklichkeiten, die – Kunst sei Dank – gleichermaßen Verbindlichkeit beanspruchen können, wie Rüdiger Safranski zeigt. Die Vermittlung dazwischen, zwischen scheinbar nicht vermittelbaren Wirklichkeiten, funktioniert mit ästhetischen Techniken. Das führt Ihnen Fabian Röderer mit einer Analyse der massenmedialen Aufbereitung der Mondlandung vor. Sie ist in die Geschichte eingegangen, weil und wie sie visuell erzählt wurde.

Das wird im LIFE­Magazin von 1969 noch keine Methode gehabt haben. Dabei entbrannte damals eine Diskussion über den Stellenwert alles Visuellen für die Geschichtsforschung und im Gegenzug das Bewusstsein dafür, dass jede visuelle Darstellung den Stempel ihrer jeweiligen Zeit trägt. Katharina Weißbach stellt das Potenzial dieser Methode vor, die dabei ist, sich als »Visual History« in weiten akademischen Kreisen zu etablieren. Eine erklärtermaßen antiakademische und ganz eigenwillige Methode, künstlerische und kulturelle Phänomene zu analysieren, die aber gleichwohl einen kolossalen Erkenntnisgewinn abwarf, ist das radikale Denken von Susan Sontag, mit dem Sie Anna­Lisa Dieter bekannt macht.

Wie sehr das Motiv der Entgrenzung und seines Counterparts, des Rückzugs, maßgeblich für die Analyse und das Verständnis von Kunst um 1969 sind, ist Thema unseres Interviews mit dem Stadtkurator von Hamburg, Dirck Möllmann. Die Motive sind auch zentral für die beiden, für die End60er paradigmatischen, Filme 2001 – Odyssee im Weltraum und Zabriskie Point, die Ihnen Christina Tilmann in Erinnerung ruft und darlegt, warum sie – trotz aller Unterschiede – die Filmästhetik revolutioniert haben. Viel revolutionäres Bewusstsein und der Spaß daran, Grenzen zu überschreiten, war auch in der LIDL­Akademie am Werk. Künstlerisch überlebt hat von den Protagonisten der, der sich rechtzeitig auf traditionelle Grenzen besann, lautet eine der interessanten Thesen, mit denen Sie Raimund Stecker konfrontiert.

Eine Klammer bilden die Texte von Harriet Häußler und Timo Niemeyer. Häußler entdeckt im Jahr 1969 den Durchbruch deutscher zeitgenössischer Kunst auf dem internationalen Kunstmarkt und zeichnet nach, wie es durch die Etablierung neuer Institutionen dazu gekommen ist. Niemeyer hingegen zeigt, wie 50 Jahre später das Gegenmodell alles Institutionellen, die Blockchain­Technologie, das Ende genau dieses Funktionsmechanismus des Kunstmarkts bedeuten kann und wie demnächst ein völlig neues Kapitel in Sachen Autonomie der Kunst aufgeschlagen werden wird.

Die Themen Entgrenzung, Raumtransformationen und Rückzug finden Sie auch in den Arbeiten von Mary­Audrey Ramirez, die Ihnen die Kuratorin Nadia Ismail vorstellt.

Eine erquickliche Lektüre wünscht Ihnen

Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Our Darkness
Die Arbeiten der Künstlerin Mary-Audrey Ramirez
Nadia Ismail

Die Gründung der Kölner Kunstmesse und ihre Auswirkungen
Harriet Häußler

Zeitzeugen
Kunst als Quelle historischer Forschung
Katharina Weißbach

Vom Nutzen und Nachteil des Eskapismusfür die Kunst
Rüdiger Safranski

To the moon and back
Die Mondlandung im Printformat
Fabian Röderer

1969 und heute
Verkapselungen, Sinnversprechen und die Anschlussfähigkeit der Kunst
Interview mit Dirck Möllmann

Der Sieg der Bilder über das Wort
Christina Tilmann

LIDL, LIDL, LIDL, LIDL
Raimund Stecker

Schreiben als Happening
Susan Sontags Dialektik von Kunst und Antikunst
Anna-Lisa Dieter

Value Manifest
Das Kunstwerk im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit
Timo Niemeyer

Leseprobe

Our Darkness
Über die Arbeiten der Künstlerin Mary-Audrey Ramirez

Nadia Ismail

Wie eine direkte Reise in die nächtlichen Träume und ihr Inneres erscheinen die Arbeiten der Künstlerin MaryAudrey Ramirez. Ihren Werken wohnt eine dystopische Schönheit inne, in der ein ums andere Mal ein subtiler Humor hervorblitzt, der den Motiven die Wucht nimmt und die Düsternis mildert.
Dabei ist das mediale Spektrum der einstigen Meisterschülerin von Thomas Zipp breit gefächert und reicht von Stickarbeiten über Objekte bis hin zu performativen Interventionen. Die nicht versiegende Inspiration für ihre nahezu mythologisch­märchenhaften Welten schöpft die gebürtige Luxemburgerin aus sich selbst, häufig genährt von Konsolenspielen und stimuliert durch Filmmusik, ohne dass konkrete visuelle Analogien gezogen werden können. Die Faszination für Computerspiele liegt für die Künstlerin vor allem in der Möglichkeit eines neuen Lebens, das nach dem Scheitern oder Ableben des Avatars jederzeit ge ­ startet werden kann; eine erneute Chance, in der die Fehler der Vergangenheit bereinigt werden können. Weniger interessant sind für sie die so genannten massively multi - player online games 1, die ohne stringente Story auskommen und niemals enden. Der Begrenzung göttlich­technoider Wiedergeburten und der im Wesentlichen festgeschriebenen, zeitlichen Abfolge der ›realen‹ Welt begegnet MaryAudrey Ramirez mit Mitteln der bildenden Kunst wie dem Objekt Tunnel 2 (2016) [S. 40/41]. Statt der im Film oder Onlinespiel gängigen Praxis eines Zeitsprungs, der in der Regel durch einen Schnitt oder textuelle Einspielung kenntlich gemacht ist, bietet die Künstlerin eine Alternative. In die quadratische Öffnung ihres 120 x 100 x 300 cm gro­ ßen Tunnels kann ein erwachsener Mensch problemlos eintreten. Sofort wird der Körper von der weichen Haptik des Elasthans umhüllt. Unsichere Bewegungen, ausgelöst durch vollständige Dunkelheit und nachgebende Material oberfläche, werden von außen betrachtet zu den bizar ren quasi­abstrakten Umrissen eines Formenwandlers. Mit jedem Schritt verändert sich die Dehnung, jede tastende Hand zeichnet sich im leicht schimmernden Schwarz ab. Damit generiert der Tunnel zum Transformator, in dem die menschliche Körperform zur windenden, sich kontinuierlich verändernden und kaum fassbaren Masse wird. Mary­Audrey Ramirez verknüpft durch den Titel die künstlich angelegten, röhrenförmigen Wege, die das von der Natur nicht vorgesehene Unterschreiten von Räumen wie Bergen oder Gewässern ermöglichen. Diese konkrete Option, neue Wege zu betreten, verwebt Ramirez mit der mentalen Möglichkeit. Ihr Tunnel ›schwebt‹ und führt in ein totes Ende. Dafür ermöglicht er die ziellose Reise in das eigene Innere. Der flexible Stoff übernimmt eine schützende Funktion, indem Lärm gemildert wird und die mangelnde Lichtdurchlässigkeit der opaken Außen haut ebenso äußere Impulse verhindert wie vor fremden Blicken schützt. Diese künstlich geschaffene Privat sphäre ist vergleichbar mit der virtuell generierten Parallelwelt, welche die Schritte lenkt und den Geist stimuliert. Optisch unverändert, entsteigt dem Tunnel eine Person, die ...

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