art value - Aktuelle Ausgabe

Aktuell

art value 13
8. Jahrgang 2014


Editorial

Wie kommt das Neue in die Welt?

Die Arbeitshypothese, mit der wir in die Redaktion dieser Ausgabe einstiegen, lautete: Kunst entsteht an der Nahtstelle zwischen dem Reich des Chaos und dem Reich der Ordnung. Künstlerische Qualität wird gemeinhin daran festgemacht, ob es dem Künstler gelungen ist, etwas Neues zu schaffen. Jedes Ordnungssystem stellt hingegen darauf ab, gleiches oder einander ähnliches unter dieselbe Kategorie zu bringen. Ordnung kommt angesichts des Neuen an ihre natürliche Grenze, sie kann damit nicht umgehen. Anders ausgedrückt: Aus dem Reich der Ordnung kommt normalerweise nichts Neues.

Ende der 1980er Jahre trat die Chaosforschung auf den Plan. Ihre Frage, wie das Neue in die Welt käme, faszinierte Wissenschaftler der Mathematik, der Physik, der Neuromedizin, der Wirtschaftswissenschaften, der Sprachwissenschaft und der Soziologie. Dass die Begeisterung, die die neue Wissenschaft damals auslöste, nicht in gleichem Maße die Kunstwissenschaft entzündete, dürfte damit zu tun haben, dass ihr das Chaos als Quelle des Neuen und des Künstlerischen bereits viel zu vertraut war. Kunst schöpft aus dem Chaos. Allerdings kann sie unmöglich darin verbleiben. Um wahrgenommen und möglichenfalls verstanden oder gekauft zu werden, muss sie ins Reich der Ordnung eintreten, sprich in den Kunstbetrieb: Ausstellung, Kritik, Handel. Weitgehend geordnete Institutionen. Aus Gründen ihres Selbsterhalts muss Kunst diesen Institutionen jedoch immer wieder entkommen.

Die Beiträge in diesem Heft beschreiben aus verschiedener Perspektive die Grenze zwischen dem Reich der Ordnung und dem Reich des Chaos und wie unabdingbar für das Schöpferische in der Kunst die beständige Grenzüberschreitung ist.

Die Kuratorin Clare Butcher stellt Ihnen die südafrikanische Künstlerin Dineo Seshee Bopape und deren Brückenschläge zwischen Ordnung und Chaos vor.

Ich wünsche Ihnen eine gewinnbringende Lektüre,

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Das Pandämonium des Herzens
Ordnung und Chaos im Werk von Dineo Seshee Bopape
Clare Butcher

Chaos und Kunst bei Jackson Pollock
Wolfgang Wildgen

Die Ordnung in der Kunstgeschichte
Hubert Locher

Dimensionen des Zufalls
Interview mit Heinz-Otto Peitgen

Das Bild Gottes als Weltenschöpfer
Annette Pitschmann

Der Kunstmarkt – noch nie so geordnet wie heute
Ein historischer Parcours
Harriet Häußler

Inventare – Ordnung der Vielfalt
Martin M. Blumenthal und Eric Wolzenburg

Spannende Liaison zwischen Wunderkammer und Technik
Datenbanken zur Inventarisierung von Kunst
Julia Ritterskamp

Gedächtnisverlust
Vom Ordnen, Vergessen, Zerstören und Wiederfinden
Madeleine Schulz und Paul Bunten

Chaos und Methode
Der Tod und seine Heilung durch Bakterienkunst
Sabine Kacunko

Leseprobe

Das Pandämonium des Herzens
Ordnung und Chaos im Werk von Dineo Seshee Bopape

Clare Butcher

»Er erzählte mir über Sei Shônagon, eine Hofdame der Prinzessin Sadako am Anfang des 11. Jahrhunderts, der Heian-Periode. Weiß man je, wo Geschichte gemacht wird? Die Regierenden regierten, sie trotzten einander kraft komplizierter Strategien. Die eigentliche Macht war in den Händen einer Familie von Erbregenten, der Kaiserhof war nur noch ein Ort der Intrigen und Gedankenspiele. Indem sie jedoch lehrte, aus der Betrachtung der winzigsten Dinge eine Art melancholischen Trosts zu ziehen, hat diese kleine Gruppe von Müßiggängern im japanischen Empfindungsvermögen eine viel tiefere Spur hinterlassen als alles Getöse der Politiker. Shônagon hatte eine Leidenschaft für Listen: die Liste der ›eleganten Dinge‹, der ›trostlosen Dinge‹ oder sogar der ›Dinge, die es nicht wert sind, getan zu werden‹. Sie hatte eines Tages die Idee, die Liste der ›Dinge, die das Herz schneller schlagen lassen‹ aufzustellen. Kein schlechtes Kriterium, wie ich beim Filmen feststelle.«

Diese Zeilen stammen aus der Voice-over-Erzählung im Filmessay Sans Soleil von Chris Marker aus dem Jahr 1982. Die Listen, die diese Frau aus dem 11. Jahrhundert aufstellte, eröffneten Marker den Zugang zu seinem Reisebericht, der uns von einer undurchsichtigen Ecke der Welt zur nächsten führt. Mit seinem Versuch, ganz unterschiedliche frühere und jetzige Lebenswelten eines Ortes in eine Abfolge zu bringen, scheitert der Film damit, die Welt als etwas darzustellen, das man einfach ordnen und sich erschließen könnte. Vielmehr bekommen wir gleichermaßen intime wie nur flüchtige Eindrücke der schönen, und mitunter furchterregenden, ungeordneten Natur der Dinge; Dinge, die eine umfängliche Überprüfung unserer eigenen Wahrnehmungsstrukturen erfordern, um sie wertschätzen und verstehen zu können.
Die poetische Ungewissheit der »Dinge, die das Herz schneller schlagen lassen«, würde ich sagen, hat nicht nur das Werk Markers motiviert, sondern auch das vieler Künstler, die in unbeständigen Zeiten leben. Ungeachtet der Tatsache, dass sich Museen und Sammlungen wesentlich auf Ordnungsmuster verlassen, wie sie die Kunstgeschichte anbietet, seien es alphabetische, epochale oder chronologische, haben viele Künstler darin – wie Shônagon – Trost gefunden, dass sie in der Lage sind, sich in politische und institutionelle Geschehnisse einzumischen. Vielleicht kann diese Beziehung in der Art einer Versuchsanordnung mit dem Gegengewicht verglichen werden, das der antike Pantheon, der Tempel der Götter, und das Pandämonium, die Stadt der Dämonen, füreinander bilden. Viel eher als für einen Ort der Pein und des Durcheinanders steht das Pandämonium für einen Ort des Versprechens – ein nicht regierbares Reich, dessen Regeln noch immer nicht geschrieben sind. An diesem Ort könnten persönliche Wünsche Kollektivzwänge überwinden, könnten Wertesysteme außer Kraft gesetzt und überdacht werden.
Es ist diese Wildnis, die das komplexe Werk der südafrikanischen Künstlerin Dineo Seshee Bopape beschreitet. Ihre Kraut-und-Rüben-Installationen aus Fundstücken und ihre chaotisch erscheinenden Welten, die Bopape in Filmen und in Performances entstehen lässt, präsentieren dem Betrachter ein Set eigentümlicher Kategorien, das einzigartige Spannungen zwischen klar und unklar, aufgeräumt und unordentlich, offiziell und inoffiziell, privat und öffentlich provoziert. Oder wie die Künstlerin ihre fortdauernde Praxis in ihren eigenen Worten auf den Punkt bringt:

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