art value - Aktuelle Ausgabe

Aktuell

art value 14
8. Jahrgang 2014


Editorial

Den Teufelskreis verlassen

Das Thema Künstlernachlässe ist ein art value-Thema par excellence. Künstler, deren Nachlass nicht oder schlecht betreut wird, drohen in Vergessenheit zu geraten. Hingegen lässt sich der Wert eines künstlerischen Werks erhalten oder sogar steigern, wenn man einige rechtliche, organisatorische, strategische, finanzielle und nicht zuletzt psychologische Aspekte bei der aktiven Gestaltung eines Nachlasses beherzigt. Wer darf Werke für echt erklären? Die Erben, der Markt? Was für Folgen hat die Vererbbarkeit des Urheberrechts?

Wer sich Nachlässe anschaut, gelangt zu der bestürzenden Erkenntnis, dass mangels Zeit, Raum und Geld so manche Nachlassinstitution genau das Gegenteil dessen betreibt, was eigentlich ihre Aufgabe wäre. Werke verweilen in Depots, leiden unter unzureichenden Lagerbedingungen, werden nicht gesehen, nicht mehr diskutiert und verschwinden zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung. Der Bedeutungsverlust geht in aller Regel mit einem Wertverlust einher, der wiederum bewirkt, dass immer noch weniger Zeit, Raum und Geld zur Verfügung gestellt werden kann. Ein klassischer Teufelskreis.

In dieser Ausgabe von art value stellen wir Ihnen Modelle vor, sich Künstlernachlässen alternativ zu nähern und den Teufelskreis zu verlassen.

Die niederländische Kuratorin Rieke Vos stellt Ihnen den Künstler Rinus Van de Velde vor. Seine Art, historische Figuren zu Protagonisten seiner eigenen Künstlerbiographie zu machen, können Sie als künstlerische Antwort auf die Fragen zur Nachlassgestaltung lesen.

Eine gewinnbringende Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Das Künstlersein
Zu den Arbeiten von Rinus Van de Velde
Rieke Vos

In die Jahre gekommen
Künstlernachlässe und die Szenarien ihrer Aufarbeitung
Franz-Josef Sladeczek

Über den Umgang mit Künstlernachlässen
Loretta Würtenberger

Kunst, Krempel, Kompetenz
Wer entscheidet die Echtheitsfrage?
Grischka Petri

Wer wahrgenommen wird, der bleibt
Sabine Spindler

Kreativer und unternehmerischer Geist
Nachlassgestaltung durch Unternehmensnachfolge
Bertold Schmidt-Thomé und Anna Kathrin Distelkamp

Wirklich alles aufbewahren?
Uwe Degreif

»Ewigkeitswerte« – Nachlässe in Museen
Interview mit Thomas Köhler

Zur Frage der posthumen Güsse
Arie Hartog

Vorlass – Der Nachlass zu Lebzeiten
Beate Klompmaker

Leseprobe

Das Künstlersein
Zu den Arbeiten von Rinus Van de Velde

Rieke Vos

So ziemlich das Schönste, das passieren kann, wenn du einen Künstler oder eine Künstlerin in seinem oder ihrem Atelier besuchst, ist, wenn das Universum, das sich dir auftut, so komplett anders ist, als das, auf das du dich vorbereitet hattest. In einem Künstleratelier findest du lauter Hinweise und Puzzleteile, die von der Person erzählen, die hier arbeitet und von der Arbeit, die hier gemacht wird. Du tendierst unwillkürlich dazu, es als einen Einbruch in eine Intimsphäre zu sehen, in der der Künstler Einsamkeit und kreative Sammlung sucht. Ein Ort, an dem er oder sie die Grenzen von Existenz und Vorstellungskraft sucht, um sie selbstbewusst zu überschreiten. Soweit die romantische Vorstellung von einem Künstleratelier. Zugleich ist ein Atelier jedoch Gewerberaum: teils Werkstatt, teils Büro und zum Teil Bühne, auf der das Stück »Ein Künstler sein« aufgeführt wird. Man denke zum Beispiel an Auguste Rodin, der erste Künstler, der erfolgreich seine Künstlerpersönlichkeit zur Marke gemacht hat. Rodin hatte mehrere Ateliers, einige, die er zum Arbeiten nutzte und andere, um Besuch zu empfangen und den »Künstler« zu geben. Vor diesem Hintergrund kann man sich fragen, ob einen Künstler in seinem Atelier zu besuchen, ihn entzaubert oder eher den Künstlermythos noch verstärkt.

Ich kannte den Künstler bereits gut, bevor ich das erste Mal sein Atelier betrat, um ihn persönlich zu treffen. Ich hatte sein Gesicht auf vielen seiner großformatigen Kohlezeichnungen abgebildet gesehen. In seinen Arbeiten hatte ich ihn als Künstler inmitten seines Schaffens gesehen: konzentriert, versunken, zeitvergessen. Manchmal verzweifelt, mal verzückt. Ich hatte ihn gesehen, wie er völlig absorbiert zwischen Bücherstapeln las oder wohlüberlegt eine Figur übers Schachbrett führte. Er schien mal geistesabwesend, mal faul, mal gelangweilt oder auch sturzbetrunken an einer Bar. So habe ich ihn in seinen Zeichnungen gesehen.

Durch die Texte, die seine Zeichnungen begleiten, habe ich erfahren, dass dieser Künstler davon träumte, ein Tennisstar zu werden und in aller Herrgottsfrühe mit seinen Freunden ausgeht, als da wären Paul McCarthy, Marina Abramovic, Jean-Michel Basquiat, Keith Haring oder Bas-Jan Ader. Ich habe sogar erfahren, dass dieser Künstler in manchen seiner Arbeiten zum legendären Schachgroßmeister Bobby Fischer wird, der gegen eine ganze Mannschaft russischer Gegner spielt. In anderen seiner Arbeiten verwandelt er sich in Ellsworth Kelly, wie er sich seinen endlosen Pflanzenstudien hingibt. In seinen Arbeiten habe ich dieses unzeitgemäße Künstlerverständnis zweiter Ordnung erkannt, eine Entgegnung auf das romantische Ideal, das den Künstler als Existenzialisten sieht, dessen Arbeit und Leben nahtlos ineinander übergehen und dessen Kunst unmittelbare Spiegelbilder seiner Seele sind. Aber als ich den Künstler dann schließlich persönlich getroffen habe, und ich gehe davon aus, dass Sie das jetzt nicht zu sehr überrascht, war alles anders.

Mehr dazu in art value 14