art value - Aktuelle Ausgabe

Aktuell

art value 20
12. Jahrgang 2018


Editorial

Schönheitsformeln

Die folgenden Beiträge illustrieren Versuche, dem Phänomen des Schönen vermittels eines Instruments beizukommen, das für die Quintessenz aller exakten Wissenschaften steht: die Formel. So wie es den Naturwissenschaften gelungen ist, die Funktionsweise vormaliger Wunder göttlicher oder natürlicher Art auf eine griffige Gebrauchsanweisung zu reduzieren und wiederholbar zu machen, so möge es auch mit dem Schönen sein. Das Problem dabei: Es funktioniert und funktioniert nicht.

Die bekannteste aller Schönheitsformeln ist der Goldene Schnitt. Albrecht Beutelspacher stellt sein mathematisches Fundament vor und wie eng verwandt mit ihm die gleichermaßen als Schönheitsformel geltende Fibonacci-Folge ist. Wie sich der Goldene Schnitt ins Bild setzen lässt, ist hinreichend bekannt. Weniger bekannt ist, dass dergleichen arithmetische Schablonen auch für eine Reihe Komponisten ein Mittel war, das Überindividuelle in der Schönheit zu finden. In seinem Textbeitrag gibt Ihnen Tom Rojo Poller eine entsprechende Tour d’horizon, und per QR-Code kommen Sie auf Hörbeispiele aus seiner Kompositionspraxis. Ebenfalls unmittelbar aus seiner praktischen Arbeit plaudert Gorden Wagener, Chefdesigner von Mercedes-Benz, wo die Formel als des Ingenieurs tägliches Handwerkszeug einen viel selbstverständlicheren Stellenwert hat als in der Kunst.

Eine allgemeine Beschreibung für das überindividuell Schöne zu finden, ist auch das Projekt des Psychologen Martin Gründl. Dabei bedient er sich eines einfachen Tricks: Wenn es schon unmöglich ist, von einem individuellem Schönheitsempfinden auf ein allgemeingültiges zu schließen, dann fragen wir eben nicht den Einzelnen, sondern eine statistisch relevante Probandengruppe nach ihren Vorlieben. Per Morphing entstanden hochartifizielle Porträts, die auf frappierende Weise zeigen, wie sehr sich die in den Augen der Betrachter liegenden Schönheiten doch einander ähneln.

Wolfgang Ullrich beschäftigt sich mit einer zum starrförmigen Reflex mutierten gesellschaftlichen Maxime vermeintlichen Wohlverhaltens. Welche Auswirkung hat es auf die Kunst, wenn Situationen sozialer Minderheiten nur auf eine ganz bestimmte Weise beschrieben werden dürfen? Eine Stärke seines Textes liegt darin, diese formelhafte Enge nicht nur anzuprangern, sondern auch gleich einen funktionstüchtigen Rettungsweg aufzuzeigen.

Auf der Suche nach Formeln der Schönheit darf natürlich die Schönheit der Formel selbst nicht fehlen. Insofern darf ich Sie auf Robert Feldmans Concinnitas Projekt aufmerksam machen. Die Reflexion der beteiligten Wissenschaftler über von ihnen ausgewählte Formeln gewinnen der Suche nach Schönheit eine erkenntnistheoretische Dimension ab: Ohne das Schöne blieben Theorien mögliche aber unverbindliche Spielarten. Unmittelbare Gewissheiten stellen sich nur dann ein, wenn auch die Schönheit der sie begründenden Zusammenhänge erkannt wird.

Schauen Sie sich vor diesem Hintergrund die Arbeiten von Anne Pöhlmann an, die Ihnen die Kuratorin Stefanie Kreuzer vorstellt.

Viel Spaß dabei wünscht

Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Japan Diary
Die Arbeiten von Anne Pöhlmann
Stefanie Kreuzer

Schön, vielseitig, irrational
Die mathematische Schönheit des Goldenen Schnitts
Albrecht Beutelspacher

Das Schisma in der Kunstwelt
Wolfgang Ullrich

Das Concinnitas Projekt
[1] Interview mit Robert Feldman
[2] Sir Michael Atiyah: Das Index Theorem
[3] Simon Donaldson: Das Ampèresche Gesetz
[4] Freeman Dyson: Die MacDonald Gleichung

Sinnlichkeit, Klarheit und der Widerspruch
Interview mit Gorden Wagener

Music By Numbers
Zum Verhältnis von Zahl und Sprache in der Musik
Tom Rojo Poller

Gibt es objektive Schönheit?
Befunde der Attraktivitätsforschung zur Schönheit des menschlichen Gesichts
Martin Gründl

Leseprobe

Japan Diary
Die Arbeiten von Anne Pöhlmann

Stefanie Kreuzer

Anne Pöhlmanns Werk ist von einem strengen konzeptuellen Ansatz und dem Nachdenken über die Bildproduktion und Bildwahrnehmung im Medium der Fotografie bestimmt. Impuls gebend für ihre neuste, seit 2017 entstehende Fotografieserie war ein längerer Stipendienaufenthalt im Goethe-Institut in Kyoto. Die mit Japan Diary betitelten Arbeiten, die natürlich auch auf das Genre des Reisetagebuchs verweisen, setzen sich aus zwei interagierenden Komponenten zusammen. Zum einen sind Aufnahmen zu sehen, die vor Ort entstanden sind, und zum anderen sind diese Bilder auf Stoffe gelegt oder in Stoffe eingenäht, die die Künstlerin nicht erst seit ihrer Reise nach Japan gesammelt hat. Bereits in früheren Arbeiten verwendete sie Textilien, deren Material oder Textur oder auch Muster auf die Geschichte bestimmter Formen und Nutzungen der Stoffproduktion verwiesen haben.

Die in Japan entstandenen Aufnahmen, die von feinen, facettenreichen Beobachtungen der japanischen Gesellschaft und ihrer kulturellen Objekte zeugen, bilden das Ausgangsarchiv, aus dem die Künstlerin in einem langen Reduktionsprozess bestimmte Motive für die aktuelle Serie ausgewählt hat. Sie zeigen die Faszination der Künstlerin für die fremde Kultur und besitzen mannigfaltige Sujets, die von Architekturaufnahmen, japanischen Gärten und urbanen Kontexten zu Innenräumen, Alltagssituationen, traditionellen Blumengestecken und auch Personen reichen.

Die ausgewählten Motive werden auf Stoff ausgedruckt, um den – zum Teil mit dem iPhone entstandenen – Fotografien eine gewisse Haptik und Struktur zu verleihen.Damit rückt neben dem Sujet des Bildes auch der Trägerstoff, d.h. zeichentheoretisch gesprochen neben dem Signifikat auch der Signifikant, in den Fokus der Betrachtung. Bei dem Stoff handelt es sich um einen Baumwoll-Twill, wie er u.a. in der Produktion von Blue Jeans verwendet wird. In seiner Webstruktur weist er deutlich diagonale Linien auf. In einem nächsten Schritt werden die Drucke dann entweder in verschiedene Stoffe eingenäht oder auf eine, auf dem Boden ausgebreitete, Fläche aus mehreren Stoffbahnen gelegt. Der dichte, das Motiv zeigende Baumwoll-Twill lastet dabei paradoxerweise oftmals auf leichteren Stoffen. Damit wird der Punkt des Aufeinandertreffens in dieser Umkehrung des klassischen Verhältnisses von tragenden und getragenen Elementen sinnstiftend, denn die so entstehenden Kanten lassen umso mehr die Qualitäten der einzelnen Stoffe stärker hervortreten.

Pöhlmanns künstlerische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Bild und Träger bildet eine Konstante in ihrem Prozess der Produktion sowie der Wahrnehmung von Bildern. Seit längerem experimentiert die Künstlerin mit ...

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