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art value 8
5. Jahrgang 2011
| Editorial | Inhalt | Leseprobe |
Editorial
Liebe Leser,
über Statistiken erfassbar sind die Erlöse der großen Kunstauktionshäuser in Höhe von rund zehn Milliarden US-Dollar für das Jahr 2010. Die Zahl ist enorm angestiegen, es ist beinahe das Vorkrisenniveau wieder erreicht. Was über Statistiken nicht so genau erfasst werden kann sind Galerienumsätze. Die Zahl wird sich gegenüber dem Vorjahr nicht verdoppelt haben, wie bei den Auktionen, dürfte aber ebenfalls kräftig gestiegen sein.
Keine belastbaren Statistiken, sondern nur Mutmaßungen, gibt es über die Größenordnung des illegalen Kunstmarkts, wenn auch so viel gewiss ist: Der Schaden, den Fälschungen und Diebstähle anrichten, ist enorm. Die Beiträge dieser Ausgabe von art value, spüren dem Zusammenhang von Kunstmarkt und Kunstkriminalität nach, sie zeigen an welchen Stellen und warum der Kunstmarkt ganz besonders anfällig für Fälschungen ist, wo die Leichtgläubigkeit der Beteiligten das bequemste Einfallstor für Betrüger wird.
Die Fälschung begleitet die Kunstgeschichte seit der Antike. Konstanter Bestandteil der Geschichte der Fälschung ist ihr krimineller Impuls. Die Methoden der Kunstfälscher hingegen haben sich stets verfeinert und nehmen starken Bezug auf je aktuelle Rezeptionsformen, Erwartungen und Hoffnungen des Kunstpublikums. Kunstfälscher haben einen stark ausgeprägten Instinkt dafür, was marktgängig ist. Insofern ist die Geschichte der Kunstfälschung ein Spiegel jeweils aktueller Verhältnisse und Zusammenhänge.
Fälschung – Diebstahl – Zerstörung. Ihr gemeinsames Zentrum ist, das Einzigartige zu subvertieren, paradoxerweise mit dem Effekt, dass die Wirkmacht der Einzigartigkeit des Kunstwerks bekräftigt und geradezu überhöht wird. Thematisch passend stellt Ihnen in die Kuratorin Kathleen Rahn den Schweizer Künstler Shahryar Nashat vor.
Eine gewinnbringende Lektüre wünscht
Ihr Tilman Welther
Chefredakteur
Inhalt
Kopie der Kopie der Kopie
Zu den Arbeiten von Shahryar Nashat
Kathleen Rahn
Wa(h)re Lügen
Ernst Schöller
Der Experte und die Fälschung
Peter Raue
Fälschungen (in) der Kunstgeschichte
Henry Keazor
Die Fälschung folgt
der Kunst wie ein Schatten
Dirk Boll
Besonderheiten des
kunstkriminalistischen Alltags
Interview mit Dirk Jacob und René Allonge
Bekenntnisse eines Kunstdiebs
Auszug aus der Autobiographie von Stéphane Breitwieser
Kopie als Konzept
Sabine Ziegenrücker
Vom Nutzen kunsttechnologischer Untersuchungen
bei Echtheitsfragen
Iris Schaefer und Caroline von Saint-George
Zerstörung als Schaffensprinzip – oder: Gibt es
rückstandslose Kunst?
Anke Blümm
Leseprobe
Fälschungen (in) der Kunstgeschichte
Henry Keazor
Wird eine Fälschung geschaffen und dann erfolgreich auf dem Kunstmarkt lanciert und vertrieben, so stellt sie eine Art »Zeitbombe« dar, die jederzeit durch ihre Entlarvung losgehen und somit alle Beteiligten – Fälscher, Kunsthändler beziehungsweise Galerien, Museen und Käufer – wirtschaftlich schädigen kann: Der Meisterfälscher Elmyr de Hory, der zwischen 1946 und 1966 über 1.000 Werke der klassischen Moderne gefälscht haben soll, rühmte sich immer wieder des Wissens, dass in vielen berühmten Museen der Welt angeblich seine Schöpfungen unter dem Namen der prominentesten Künstler gezeigt würden – es zeigt sich mithin, dass dem Fälscher bei der Enttarnung seiner Erzeugnisse zwar wirtschaftlich ebenfalls Schaden entstehen kann (er wird verurteilt und ist gehalten, das erhaltene Geld wieder zurückzuzahlen), dies jedoch eventuell von dem »Ruhm« begleitet sein kann, namhafte Kunst-Experten getäuscht zu haben.
Jenseits des wirtschaftlichen Schadens und des Verlustes an Vertrauen gegenüber der Unfehlbarkeit der Experten jedoch haben Fälschungen einen weiteren Nebeneffekt, der nicht außer acht gelassen werden sollte – denn es handelt sich bei ihnen nicht nur um Fälschungen in der Kunstgeschichte, sondern auch um Fälschungen der Kunstgeschichte.
Dies soll an einem konkreten Beispiel kurz belegt werden: Zwischen 1937 und 1942 malte der holländische Künstler Han van Meegeren eine Serie von Vermeer-Fälschungen, die äußerst geschickt konzipiert waren, denn der Maler kopierte oder produzierte nicht einfach irgendwelche »Vermeers«, sondern gab den Kunsthistorikern das, wonach sie lange Zeit so sehnsüchtig gesucht hatten: Der barocke Meister hatte sichsich, so wurde von Seiten der Kunstgeschichte spekuliert, zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Laufbahn möglicherweise in Italien aufgehalten, dort die Werke Caravaggios gesehen und unter diesem Eindruck auch eine Reihe von Bildern religiösen Sujets gemalt, die alle – bis auf das Bild Christus bei Maria und Martha (Edinburgh, National Gallery of Scotland, 1654/55) – verschollen seien. Van Meegeren ersann deshalb ein Gemälde mit dem Thema »Christus und die Jünger von Emmaus«, das den Eindruck erwecken sollte...
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