art value - Aktuelle Ausgabe

Aktuell

art value 18
11. Jahrgang 2017


Editorial

Authentizität

Wenn die Rede davon ist, etwas sei »authentisch«, dann hält man es für unverstellt und deswegen für glaubwürdig. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass was subjektiv als glaubwürdig und wahrhaftig erscheint, mit der »echten« Wirklichkeit nicht viel zu tun haben muss. Allzu oft klaffen Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit weit auseinander.

Weil Kunst dazwischen die Rolle eines Mediators einnehmen kann, ist Authentizität zu einem Schlüsselbegriff in der Kunst geworden. Sie ist der Gradmesser dafür, wie nah Kunst ran kommt – mal mehr an das, was wir mit Wirklichkeit verbinden, mal mehr an das, was wir für wahrhaftig halten, mal an etwas Übergeordnetes, in dem dialektisch beides aufgehoben ist. Wie das in der konkreten Praxis aussieht, schildern Katja Kleinert und Claudia Laurenze-Landsberg anhand des heute bizarr erscheinenden Versuchs des britischen Malers Joshua Reynolds, seinen Rembrandt rembrandtesker aussehen zu lassen. Thuja Seidel beschreibt einen umgekehrten Fall, bei dem die Autorität des Originalzustands das Restaurierungskonzept bis ins Detail hinein vorgibt.

Das Foto, mit dem sich Irme Schaber beschäftigt, zeigt, dass die Frage danach, ob es echt ist oder nicht, der Karriere dieses Bildes als Ikone früher Kriegsberichterstattung nicht geschadet hat, sie vielleicht eher beflügelte. Die Frage, ob sie nicht auch inszeniert sein könnten, stellt sich bei den Arbeiten des Theaterkollektivs Rimini Protokoll ganz anders. In der Analyse von Philipp Schulte wird klar, dass es hier darum geht, den Charakter des Inszenierten mit Mitteln der Inszenierung zu tilgen – um Authentizität herzustellen. Entscheidend ist letztlich, was die meisten für authentisch erklären. Es handelt sich also um ein Phänomen kollektiver Zuschreibung. Dass das gleichwohl funktionstüchtig ist, wird durch die technische Erfindung deutlich, die der Kryptowährung Bitcoin zugrunde liegt. Wie sie auch in künstlerischen Gefilden zur Anwendung kommen kann, zeigen Katarina Adam und ihre Co-Autoren Matej Michalko und Daniel Potter.

Zu einem Gespräch darüber, wie authentisch das Auktionsgewerbe noch ist, luden wir Philipp Freiherr von Hutten und Timo Niemeyer ein, und Kuratorin Tina Sauerländer stellt Ihnen die Künstlerin Ornella Fieres vor, die die Frage danach, wie authentisch das ist, was wir sehen, ins Bild setzt.

Eine ertragreiche Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Im Auge des Betrachters
Die Arbeiten von Ornella Fieres
Tina Sauerländer

Authentisch verfälscht
Reynolds der bessere Rembrandt?
Katja Kleinert, Claudia Laurenze-Landsberg

Spaghetti mit Tomatensauce
Authentizität als Konstruktion beim Regiekollektiv Rimini Protokoll
Philipp Schulte

Die Autorität des Originals
Ein Restaurierungskonzept zwischen Erinnerungs- und Gegenwartswert
Thuja Seidel

The Falling Soldier
Eine politische Ikone des 20. Jahrhunderts
Irme Schaber

Krypto-Währungen
Wie die Blockchain Authentizität gewährleistet
Katarina Adam, Matej Michalko, Daniel Potter

Bürge des Authentischen
Die Auktion als eigene Kunstform
Interview mit Philipp Freiherr von Hutten und Timo Niemeyer

Leseprobe

Im Auge des Betrachters

Die Arbeiten von Ornella Fieres
Tina Sauerländer

Authentizität spielt im digitalen Zeitalter kaum eine Rolle. In einer Welt, in der digital bearbeitete oder generierte Bilder Realität so sehr nachahmen, dass sie von Fotografien nicht mehr zu unterscheiden sind, erübrigt sich der Lichtabdruck als authentische Referenz zur Wirklichkeit. Es bleibt uns überlassen,