art value - Aktuelle Ausgabe

Aktuell

art value 22
13. Jahrgang 2019


Editorial

Kunst und Sport

Was haben Kunst und Sport gemein? Auf den ersten Blick nicht viel – auf den zweiten umso mehr. Kunst und Sport kommen ohne Bestimmung durch einen äußeren Zweck aus. Sie sind sich selbst genug, dabei sind für beide die Prinzipien von Nachahmung und Überbietung und die Suche nach der perfekten Form ganz wesentlich. Sportler und Künstler sind Seelenverwandte. Sie suchen Grenzen und die Chance, sie zu überwinden.

Die neue Ausgabe vorn art value macht in ihren Beiträgen solche wechselseitigen Bezugnahmen anschaulich. Kunst und Sport sind universelle Sprachen, die intuitives Verstehen ermöglichen. Das kann genutzt werden, um die Welt zu verbessern (Arne Vogler). Sport hat mitunter höchst artifizielle Seiten, die am besten mit Instrumenten der Analyse des klassischen Theaters – vielleicht der Urform alles Künstlerischen – anschaulich gemacht werden (Roland Barthes). Wann immer Sport in der Öffentlichkeit ausgeübt wird, also eigentlich immer, wenn man nicht gerade nur seine Rudermaschine im hauseigenen Keller bedient, ist Sport ein performatives Ereignis (Karin Rase) und dem Gesehenwerdenwollen der Kunst nah verwandt.

Die Wechselwirkungen zwischen Kunst und Sport sind zweieinhalbtausend Jahre alt. Allerdings war die körperliche Ertüchtigung nicht nur Schönheits- und Mußendienst, wie die Vorstellung der Einheit von Schönheit des Geistes und Schönheit des Körpers im klassischen Griechenland suggeriert. Vielmehr hatte die athletische Betätigung schon damals einen »handfesten militärischen Hintergrund« (Patrick Schollmeyer). Bei Leni Riefenstahl schlug dann Körperkult in Führerkult um. Aber ist es so einfach, dass Riefenstahl nur dem faschistischen Körper huldigte? Man kann durchaus Riefenstahls künstlerische Meisterschaft würdigen, ohne ihre rassistische Ideologie zu relativieren (Mario Leis). Eine andere Seite der olympischen Medaille findet sich in einer liebevoll und akribisch zusammengestellten Sammlung privater aber durchaus ästhetisch ambitionierter Fotografien zur Olympiade im Berlin des Jahres 1936 (Emanuel Hübner).

Die Kuratorin Uta Ruhkamp macht Sie auf den folgenden Seiten mit der indischen Künstlerin Prajakta Potnis bekannt.

Viel Spaß beim Blättern, Betrachten und Lesen wünscht

Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Frozen Politics
Zu den Arbeiten von Prajakta Potnis
Uta Ruhkamp

Kunst und Sport – oder warum Bobfahren olympisch sein darf
Arne Vogler

Die Welt des Catchens
Roland Barthes

Kunst ist ohne Kampf nicht zu haben
Karin Rase

Fatale Vorbilder
Kunst und Sport im antiken Griechenland
Patrick Schollmeyer

Leni Riefenstahl
Sport und Körper: »Das ist eben mein Stil, ich sehe die Dinge so.«
Mario Leis

Olympia 1936
Die private Sicht
Emanuel Hübner

Leseprobe

Frozen Politics
Zu den Arbeiten von Prajakta Potnis

Uta Ruhkamp

Was ist öffentlicher und privater Raum? Wo fühlen wir uns aufgehoben? Was schützt uns? Prajakta Potnis (*1980) geboren und aufgewachsen in Thane, Indien, begreift materielle und physische Grenzen wie Mauern, Wände und Haut als permeable Membran und macht sichtbar, was unsichtbar in unserer Gesellschaft wuchert. Denn gesellschaftliche Entwicklungen, politische Ideologien und die einhergehenden Ängste dringen durch diese Schutzwälle, wirken auf uns ein und lagern sich in unserem Umfeld und unseren Köpfen ab. Alltägliche Oberflächen beginnen in den Zeichnungen Prajakta Potnis’ zu wabern (9:23 pm, 2012 [S. 10/11]), unter einem Bett formiert sich emotionales Gepäck zu einer unbequemen Krater und Gebirgslandschaft (3:37 am, 2012 [S. 12]), eine Teflonpfanne verbreitet ihre toxischen Dämpfe (6:02 pm, 2015 [S. 13]), ein Fenster wird zu einer visuellen Sackgasse (6:19 pm, 2012 [S. 18/19]) – Wände blättern, bröckeln, haben Risse oder sind von Schimmel befallen (Sewing, 2018 [S. 20/21]).

Prajakta Potnis entwickelt ihre Arbeiten aus dem Kontext des Privaten heraus und zögert dabei nicht, in einem Land, in dem Frauen zwar vor dem Gesetz gleichgestellt, aber immer noch stark benachteiligt sind, einen explizit weiblich konnotierten Ausgangspunkt zu wählen: das Haus und die Küche. Für viele Hindufamilien noch immer ein heiliger Ort mit starren sozialen Dogmen, beschäftigt sie die Küche nicht nur als Konfliktzone zwischen Tradition und Technologisierung. Der Trockner, der Standmixer, der Kühlschrank oder das Gefrierfach werden zum Verhandlungsort für politische und ökologische Themen, überholte Ideologien, Gesellschaftskritik und Identitätsfragen.

Fast zwangsläufig führt sie ihre Faszination für »Wände« während eines zehnmonatigen Stipendiums der KFW-Stiftung am Künstlerhaus Bethanien in Berlin (2014) zur Berliner Mauer. Eine Recherche zum Eisernen Vorhang und Kalten Krieg lässt sie auf die sogenannte Küchendebatte zwischen dem US-Vizepräsidenten Richard Nixon und dem sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow stoßen. Anlässlich der amerikanischen Nationalausstellung in Moskau 1959 entfacht eine US-Modellküche ein Streitgespräch zu den Vorteilen des Kapitalismus und des Kommunismus zwischen den beiden Staatsmännern. Harmlose Haushaltsgeräte werden binnen weniger Minuten zu politischem Sprengstoff. Ganz in diesem Sinne verkehrt auch Prajakta Potnis die Küche, einen per se privaten Ort, in ein öffentliches, gesellschaftskritisches Schlachtfeld. Ihre metaphorischen Waffen sind ...

Mehr dazu in art value 22

Top