art value - Aktuelle Ausgabe

Aktuell

art value 19
11. Jahrgang 2017


Editorial

Große Kunst

Spricht jemand davon, es handle sich bei einem bestimmten Kunstwerk um »Große Kunst«, dann meint er in der Regel, dass es sich – seiner Kennerschaft zufolge – um bemerkenswert gute Kunst handele, ein Werk eines großen Meisters und nicht etwa um einen Beitrag aus den niederen Gefilden der Kleinkunst.
Mit »Große Kunst« lässt sich allerdings auch die schiere physische Größe von Kunstobjekten bezeichnen: Kunst, die so groß ist, dass sie sich aufgrund ihrer Ausmaße dem üblichen Kunstbetrieb entzieht. Sie ist räumlich so ausgedehnt, dass sie in keine Ausstellung passt und man nur einen Ausschnitt erfassen kann, nie das Ganze. Oder sie ist zeitlich so ausgedehnt, dass ein Menschenleben nicht ausreicht, es in Gänze zu erfassen.

Die Autoren dieser Ausgabe von art value illustrieren all diese qualitativen und quantitativen Aspekte großer Kunst, weshalb nicht von ungefähr in einigen Texten eine Bezugnahme auf Kants Begriff des Erhabenen auftaucht. Die Philosophin Brigit Recki fasst zusammen, was genau Kant damit meinte und zeigt auf, wie das Erhabene für die Kunstrezeption fruchtbar gemacht werden konnte, obwohl Kant es eigentlich für unmöglich hielt, dass menschengeschaffene Kunst erhaben sei. Einen vergleichbar großen historischen Bogen schlägt Stefan Schweizer mit seiner Geschichte der Gartenkunst von den französischen Hofgärtnern im 17. Jahrhundert bis zur High Line in New York. Weil es heutige Kunst am Bau mit in der Regel großen Immobilien und deren Kontext aufnehmen muss, handelt es sich dabei ebenfalls meist um physisch große Kunst. Sylvia Haida zeigt jedoch, dass die Auswahlverfahren des Kunst am Bau-Programms des Bundes darauf zielen, auch im qualitativen Sinne große Kunst zu finden und zu fördern. Mit tatsächlich großer Kunst wird konfrontiert, wer versucht, Land Art auf ein Foto zu bannen. Bei der Bebilderung des Überblicks von Gerhard Leeb, in dem er vier Dimensionen der Land Art vorstellt, holten wir uns denn auch andersmediale Hilfestellung und empfehlen einen Kamera-Drohnenflug auf Youtube per QR-Code.
Auf den unfassbar großen Zeitraum von 639 Jahren zielt John Cage’s Werk ORGAN²/ASLSP, und Rainer Neugebauer erklärt, was es damit auf sich hat, wenn die Vollendung eines Werks derart aufgeschoben ist. Ganz anders Bazon Brock: Für ihn ist das Vollenden eines Werks wesentlich, dass es Größe erlangen kann.

Apropos vollenden. Wie die Idee, hunderte Tonnen Stahl sich in elliptischen Formen in einer fließenden Bewegung begegnen zu lassen, ins Werk gesetzt wird, das illustriert Ingenieur Uwe Pickhan anhand seiner Zusammenarbeit mit Richard Serra. Und Henrike Strobl erläutert, wie die Trias von Künstler, seinem Werk und dessen Eigentümer im Hinblick auf besonders raumgreifende Kunst juristisch zu fassen ist, um möglichst allen gerecht zu werden.

Großer Kunst eignet, wie Sie sehen, die Fähigkeit oder zumindest das Bestreben, hinter den Horizont zu gelangen.

Die Kuratorin Eva Meyer-Hermann stellt Ihnen die chinesische Künstlerin Jia mit einigen ihrer Arbeiten vor.

Viel Spaß bei der Lektüre wünscht

Ihr Tilman Welther
Chefredakteur

Inhalt

Die sinnliche Qualität der Dinge
Zum Werk von Jia
Eva Meyer-Hermann

Groß und mächtig: Das Erhabene als Kategorie einer Ästhetik der Überwältigung
Birgit Recki

Gartenkunst: Landschaften und Naturimaginationen als Große Kunstform
Stefan Schweizer

Große Kunst
Beenden heißt Vollenden
Bazon Brock

Eine handvoll Töne, aus | ge | halten
Das John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt in Halberstadt
Rainer O. Neugebauer

Das Handling hunderter Tonnen Stahl
Uwe Pickhan

Kunst am Bau – ›Große‹ Kunst?
Eine Verpflichtung und ein ›großes‹ Versprechen des Bundes als Bauherr
Sylvia Haida

Die Integrität raumgreifender Kunstwerke
Henrike Strobl

Land Art
Ein Überblick
Gerhard Leeb

Leseprobe

Die sinnliche Qualität der Dinge
Zum Werk von Jia

Eva Meyer-Hermann

»Unter Schönheit verstehe ich die Qualität oder die Qualitäten eines Körpers, durch die er Liebe oder eine ähnliche Leidenschaft verursacht. Ich schränke diese Definition auf die rein sinnlichen Qualitäten der Dinge ein, weil ich die äußerste Einfachheit bei einem Gegenstande anstrebe, der uns völlig verwirren muss, wenn wir alle die verschiedenen Ursachen der Sympathie einbeziehen, aus denen uns irgendwelche Menschen oder Dinge vermöge sekundärer Zusammenhänge anziehen – und nicht vermöge der unmittelbaren Kraft, die sie bloß auf Grund ihres Gesehenwerdens ausüben. Unter Liebe verstehe ich die Befriedigung, die im Gemüt beim Betrachten irgendeines schönen Dinges aufkommt, von welcher Natur dieses auch sein mag. Ich unterscheide sie von Begierde oder Sinnenlust, also von einer Energie des Gemüts, welche uns zum Besitz gewisser Objekte treibt, die uns nicht durch Schönheit, sondern durch ganz andere Mittel affizieren.«

Edmund Burke

Die Kunst von Jia ist schön. Mit hoher »sinnlicher Qualität« spekulieren die Werke auf ein »Gesehenwerden«. Wir können uns ihrer Attraktivität kaum entziehen, wenn wir die harmonisch angeordneten und akkurat ausgeführten chinesischen Schriftzeichen sehen, wenn unser Blick von einer Folge abstrakter Farbfotografien angeregt wird oder wir mit Mustern leuchtend polychromer Flächen und Linien konfrontiert sind. Auch die Klarheit einer ordentlich, Reihe für Reihe auf die Wand gebrachten Frakturschrift oder das Visavis eines fröhlichen Kindergesichts verlangen nach unserer Aufmerksamkeit und belohnen uns mit strahlender Schönheit.

Aber es wird keine pure »Sinnenlust« bedient, wenn wir beispielsweise durch das Guckloch einer schlichten Holzkiste in eine Wunderwelt spähen. Schon Jias frühes Werk City Boxes von 2002 [Seiten 66/67] beeinflusst mit den präzisen Berechnungen einer Architekturstudentin und Kennerin der chinesischen Oper gezielt unseren Blick: In einer der beiden Kisten sehen wir Häusermodelle, die bereits abgetragene oder zum Abriss vorgesehene historische Gebäude aus Peking darstellen. Die andere Box präsentiert die dekonstruierte Nachtaufnahme der berühmten Uferpromenade in Schanghai. Gegenläufig zum typischen Fischaugen-Touristenpanorama sind die Gebäude hier in neu geordneter Sequenz als begradigte Vedute wiedergegeben. Die Miniaturen scheinen in ihren Kisten so hermetisch abgeriegelt wie die Verbotene Stadt, aber sie proklamieren keine unantastbare Größe, sondern sind auf ein kleines Format herunterskaliert. Auf diese Weise werden wir vom Thema nicht überwältigt, sondern konzeptuell auf den Diskussionsgegenstand eingestimmt. Die Werke schüchtern nicht ein, wie es beispielsweise die monumentalen Gemälde der nordamerikanischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts mit ihrer schieren Größe und ihren spektakulären Darstellungen der Naturphänomene tun. Für Jia ist Schönheit ein probates Ausdrucksmittel für spezifische Narrationen, die über das hinausgehen, was mit formalen Kriterien erschlossen werden kann.

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